Bergung in Etappen:
Prozessrechenzentrum des Kraftwerks Thierbach

Im Gespräch mit einer Hallenser Computerfirma kam 1999 das Gespräch auf das Kraftwerk Thierbach, dessen Prozessrechenzentrum noch mit DDR-Rechentechnik der 1980er Jahre laufen und im Jahr darauf außer Betrieb genommen werden sollte. Unsere ersten Bestrebungen, daraufhin mit der Betreibergesellschaft des Kraftwerks wegen einer Besichtigung in Kontakt zu treten, blieben leider erfolglos, ebenso ein Besuch vor Ort im Spätherbst 2000.
Die Lage besserte sich, nachdem das Kraftwerk stillgelegt war: Durch Dokumente und das Baustellenschild auf dem Gelände des Kraftwerks kamen wir auf die Firma BIQ als Verwalter des Geländes und nach einigen Telefonaten und Briefen wurde uns ein erster Besuch gestattet.


Kraftwerk Thierbach, im Jahr 2003.

Maschinenhaus und Haupteingang des Kraftwerks.


Das Hauptgebäude von der anderen Seite.
Links das Kesselhaus, rechts das Maschinenhaus.

Das Kraftwerk befand sich, abgesehen vom kürzlich gesprengten Schornstein, den fehlenden Elektrofiltern und vielen gekappten und farbig markierten Kabelverbindungen noch in recht gutem Zustand.


In diesem Bürogebäude befand sich das Rechenzentrum...

...und zwar im Bereich der roten Markierung.

Das Rechenzentrum.

Das Rechenzentrum, von der anderen Seite aus.

Rechneranlage AUDATEC.

Rechner Robotron A6402.

Rechner MRES, dahinter die Drucker.

Rechner MRES, Rückseite.

In einem ansonsten leer geräumten Bürogebäude entdeckten wir dann auch das gesuchte Rechenzentrum. Größter Bestandteil der Anlage war ein Computer A6402 von Robotron. Diese Rechner sind heute eine absolute Seltenheit: vermutlich existiert weltweit kein funktionsfähiges Exemplar mehr und selbst in defektem Zustand haben nur wenige Exemplare überlebt. Außerdem befanden sich im Rechenzentrum einige große Geräte namens Audatec, die wir bis dahin nur aus Büchern kannten.

All diese Technik sollte verschrottet werden, es lag also nahe, über eine Rettung der Anlage nachzudenken. Aber es ist aus Platzgründen schwierig, Rechner dieser Größe privat unterzubringen.


Geschichtlicher Hintergrund

Der Ort Thierbach liegt südlich von Leipzig in der Nähe der Stadt Borna, gehört heute zur Gemeinde Kitzscher und hat ca. 6000 Einwohner. Um dem wachsenden Bedarf der Region an elektrischem Strom und Fernwärme zu begegnen, wurde 1964 die Projektierung des Kraftwerks Thierbach begonnen, Bauherr war das "Kombinat Kraftwerksanlagenbau Berlin". Für den gewählten Standort sprach die geografische Nähe zu den Braunkohlentagebauen, die den Brennstoff für das Kraftwerk lieferten und deren geflutete Restlöcher den notwendigen Wasserspeicher bildeten. Das Kohlekraftwerk Thierbach bestand aus vier Blöcken mit je 210 MW Bruttoleistung, den zur damaligen Zeit größten Kraftwerksblöcken des Landes. 1965 begannen die ersten Arbeiten zur Vorbereitung der Baustelle, zwei Jahre später war offizieller Baubeginn des Kraftwerks. Das Kraftwerk wurde in Gemeinschaftsarbeit der damaligen Ostblockländer hergestellt (neben der DDR vornehmlich die Sowjetunion, Polen und Ungarn). Die meisten Maschinen (z.B. Generatoren, Turbinen, Prozessleitsystem) stammten aus sowjetischer Produktion. Die Gebäude wurden weitgehend in Fertigteilbauweise (Beton) hergestellt, die Vormontageplätze dazu befanden sich in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks.


Bau des Thierbacher Maschinenhauses.

Kraftwerksbaustelle, die Kühltürme sind noch im Bau.

1969 ging der 1. Block ans Stromnetz. Im September 1971 waren die letzten Bauarbeiten abgeschlossen und das Kraftwerk Thierbach versorgte nun mit seinen vier Blöcken zusammen mit den (ehemaligen) Kraftwerken in Lippendorf, Kulkwitz und Espenhain die Region Leipzig mit elektrischem Strom sowie die umliegende Industrie mit Heißdampf. Die riesigen Kraftwerksanlagen waren in der flachen Landschaft weithin zu sehen und bildeten ein Wahrzeichen der Gegend.


Mit Volldampf voraus: Kraftwerk Thierbach 1989.

Nur noch mit halber Kraft: Aufnahme aus den 1990er Jahren.

Gigantisch: Die Kühltürme von Thierbach.

Nach der politischen Wende 1990 wurde das Kraftwerk privatisiert und ging in den Besitz des neu gegründeten Energiekonzerns VEAG über, der 2002 vom schwedischen Vattenfall-Konzern übernommen wurde. Kraftwerksbereiche, die nicht unmittelbar mit der Energieerzeugung zu tun hatten, wurden im Zuge der Privatisierung abgebaut. Nachteilig für den Verbrennungsprozess wirkte sich die im Laufe der Zeit schlechter werdende Qualität der Braunkohle aus. Das Kraftwerk besaß zwar elektrische Staubfilter für den Rauch, eine Rauchgasentschwefelungsanlage hatte man allerdings hier nicht eingesetzt. Die Stilllegung des Kraftwerks Thierbach wegen veralteter Technik und Problemen der Umweltbelastung (mittlerweile verschärfte Umweltschutzauflagen) war anfangs auf 1996 festgesetzt, wurde dann aber durch Verminderung des Schadstoffausstoßes auf 1999 herausgeschoben, was auch der ursprünglich geplanten Laufzeit von 30 Jahren entsprach. Die Größe der Belegschaft sank von 1740 Mitarbeitern im Jahr 1979 auf 248 Mitarbeiter im Jahr 1999.


Demonstration für den Erhalt des Standorts.

Demonstration für den Erhalt des Standorts.

Im Jahr 1999 kam dann blockweise die Außerbetriebnahme für das Kraftwerk, "Block 4" am 30.9.1999 als letzter Block. Thierbach hatte bis dahin 129 Milliarden Kilowattstunden Elektroenergie produziert.


Aufgeklebte Maßbandschnipsel im Rechenzentrum zählten
die letzten Arbeitstage der Mitarbeiter

1999: Der letzte Kohlezug ist auf dem Weg zum Kraftwerk.


Stillgelegte Turbine des Blocks 1.

Der Ofen ist aus: festgekettete Wasserschieber (2006).

Seitdem ist der planmäßige "Rückbau" (also Abriss) im Gange: Die Turbinen wurden in baugleiche Kraftwerke nach Bulgarien umgesetzt. Der 300 Meter hohe Schornstein des Kraftwerks wurde 2002 gesprengt, ihm folgten 2006 die vier riesigen Kühltürme.


2002: Sprengung des Schornsteins.

2006: Sprengung der Kühltürme:

...Sekunden später

Das Verwaltungsgebäude, in dem sich das Rechenzentrum befand, war bei unserem ersten Besuch 2003 bereits ausgeräumt; die einzigen nicht-leere Zimmer darin waren das Werksarchiv (das uns leider nicht zugänglich war) und das Rechenzentrum. Dass die Rechner noch nicht verschrottet waren, lag vermutlich daran, dass die Geräte einfach zu schwer für die Ausräummannschaft waren.


Links ein Sozialgebäude, Mitte ein Kühlwasserpumpenhaus.
Dahinter die Reste der gesprengten Kühltürme.

Gleise der Werksbahn: Hier fährt nie wieder ein Zug.


2008: Abriss der Kohleförderbahn.
Links das Bürogebäude, davor die Werkstatt.

2008: Abriss der Kohleförderbahn.


In den Folgejahren verschwand das Kraftwerk schrittweise: 2015 das Kesselhaus, 2016 das Maschinenhaus und einige Monate später der schlanke Zentralbau als letzte Großkomponente. Nach der vollständigen Entfernung des Kraftwerks soll das Grundstück als Gewerbegebiet genutzt werden. Das Gebäude, in dem das Prozessrechenzentrum untergebracht war, steht heute (2016) noch.


2012: Abendstimmung am Kraftwerk. Vorn die vier Kesselhäuser.

2015: Sprengung der Kesselhäuser.

2016: Sprengung des Zentralbaus.

Die VEAG förderte finanziell die Ansiedlung neuer Firmen und die Übernahme von ehemaligen Kraftwerkern. Einige Thierbacher Mitarbeiter bekamen Arbeit im neuen Kraftwerk Lippendorf, für andere begann eine ungewisse Zukunft.
Im Jahr 1995 wurde in Lippendorf ein neues Kohlekraftwerk gebaut, das die Arbeit der beiden alten Kraftwerke Lippendorf (auch bereits abgerissen) und Thierbach übernimmt.


Das neue Kraftwerk in Lippendorf.



Technischer Hintergrund

Im Kraftwerk wurde durch Verbrennen von Kohle (660 Tonnen pro Stunde) Wasser zu Dampf (140 bar, 550°C) erhitzt und durch die Schaufeln der Turbinen geschickt, deren Drehbewegungen (3000 U/min) elektrische Generatoren antrieb. Diese erzeugten Elektrizität mit 15,75 kV Spannung und speisten sie über eine Trafostation ins Netz ein. Der Dampf wurde anschließend im Kondensator der Turbine wieder verflüssigt. Das als Kühlung im Kondensator benutzte Sekundär-Wasser wurde in den vier 90 Meter hohen und 70 Meter dicken Kühltürmen wieder abgekühlt.


Turbine und Generator in der Maschinenhalle im Jahr 2003.

Fast ausgeräumt: die Maschinenhalle im Jahr 2006.

Antriebswelle einer der Hauptgeneratoren (2003).

Rohrleitungen in der Maschinenhalle (2003).

Eine der vier Turbinen.

6kV-Speisepumpenmotoren.

Die Rohbraunkohle zur Kesselfeuerung wurde in der Nähe des Kraftwerks im Tagebau (Zwenkau, Witznitz, Schleenhain, Profen) abgebaut, per Eisenbahn angeliefert und in den Grabenbunker entladen. Dabei überfuhr der Kohlezug eine Waggonwaage, die mit Hilfe werksintern entwickelter Sensoren die Waggons erfasste, während der Überfahrt (max. 5 km/h) das Gewicht maß, nach der Entleerung nochmals den Waggon wog und den Differenzbetrag automatisch ans Prozessleitsystem meldete. Die Kohle (6,2 Mio t/Jahr) wurde aus dem Kohlebunker mit einem Schöpfgerät (einer Art Eimerkettenbagger) entnommen, gelangte über ein Förderband in die Umlenkstation, wo die Kohle von großen Steinen und metallischen Fremdkörpern befreit wurde, wurde über ein schräges Förderband durch einen Brecher und weiter zu den Kesselhäusern geleitet, wo sie in Kohlebunkern zwischengelagert wurde. Anschließend wurde sie zu Kohlenstaub zermahlen, in die Kessel eingeblasen und dort verbrannt. Die Innenwände der Kessel waren mit Rohren ausgekleidet, in denen das Wasser des Primärkreislaufs zu Dampf erhitzt wurde. Die entstehende Asche wurde, mit Wasser vermischt, über Rohrleitungen (später auch per Eisenbahnwaggon) abtransportiert und im 2 km entfernten Tagebau-Restloch "Trages" gelagert. Die Verbrennungs-Abgase gelangten nach einer Staubreinigung in der ebenfalls mit dem Prozessleitsystem gekoppelten Elektrofilteranlage durch den Schornstein ins Freie. Den Schornstein hatte man sehr hoch (300m) gebaut, um die ausgestoßenen Schadstoffe durch möglichst weite Verteilung zu verdünnen.


Kohle-Grabenbunkeranlage Nord mit Schöpfgerät.

Kohleförderung aus dem Grabenbunker.

Die Kohle-Transportanlage.
Dahinter der Grabenbunker, links die Aschesilos.

Kohle-Transportanlage.
Der blaue Turm ist der Kohlebrecher. Rechts die Werkstatt.

Im Zentralbau (2003).

Kohlebunker im Kesselhaus (2003).

Inspektionsluke an einem der Kessel (2006).


Innenwand eines Kessels (2006) mit feinen Dampfrohren.
Die hellen Punkte sind aufgewirbelter Ruß.

Speisewasserbehälter des Primärkreislaufs (2003).

Dampfleitungen (2003).

Elektrofilter des Blocks 4 (1990er).

Ascherohrleitungen (1990er).

Ein Teil der Abwärme des Kraftwerks wurde zur Fischaufzucht und zur Pilzzucht genutzt, außerdem kam ein Teil des im Kraftwerk für die Kühlung gereinigten Wassers als "Destilliertes Wasser" in den Handel. Die Asche der Elektrofilter wurde in Silos aufgefangen und für die Verfüllung von Bergwerkstollen verkauft.


Blick aus dem Fenster des Rechenzentrums. Links die
Garagen der Werksfeuerwehr, in der Mitte ein Sozialgebäude.

Blick über das Dach der Werkstatt,
im Hintergrund die chemische Wasseraufbereitung.

Blick vom Rechenzentrum auf das Maschinenhaus.
Links daneben ein Kühlwasserpumpenhaus.

Blick aus einem Fenster des Maschinenhauses
auf die Deionisatbehälter (2003). Oben die Kohlebahn.

Von Anfang an wurde zur Überwachung und Steuerung der Kohleanlieferung, des Verbrennprozesses, der Turbinen und der Generatoren Digitalrechentechnik eingesetzt. Dies erfolgte ursprünglich durch russische Rechner IW-500, die zwar bereits bei der Inbetriebnahme 1968 veraltet waren, aber aufgrund der durchgängig sowjetischen technischen Ausrüstung der Kraftwerks benutzt werden mussten. Die Systeme waren über ihre gesamte Nutzungsdauer sowohl in der Messwerterfassung im Feldbereich als auch bei den Rechnerkomponenten sehr störanfällig, meist auf Grund von Kontaktfehlern. Trotz zahlreicher in der Abteilung Prozessrechentechnik des Kraftwerks selbstentwickelter und eingebauter technischer Veränderungen konnte die Systemverfügbarkeit nicht wesentlich verbessert werden. Es gab daher, sowie auch auf Grund der sehr beschränkten Nutzungsmöglichkeiten, bereits seit etwa 1980 intensive Bestrebungen, diese Systeme zu ersetzen. Mit der Verfügbarkeit der Mikrorechentechnik in der DDR gelang es in zähem Ringen mit den Entscheidungsträgern, den "Block 4" mit dem System Audatec (Prozesswerterfassung und -Visualisierung) und dem Rechner A6402 (Prozessdatenarchivierung und Störwerterfassung) auszurüsten. Durch den Einsatz der Audatec-Anlage konnte eine große Zahl wartungsintensiver, konventioneller Wartentechnik wie Schreiber, Zeigerinstrumente und Anzeigen ersetzt werden. Zudem war mit neuen Funktionen eine genauere Prozessbeobachtung möglich.

Ab 1987 sollte die Installation der neuen Technik beginnen, der Rechner A6402-Rechner war auch bereits geliefert, jedoch fehlte die AUDATEC-Anlage noch. Erst 1990 kam Leben in das Projekt: Es wurde eine modernere AUDATEC 2C-Anlage beschafft, das System damit produktiv in Betrieb genommen und es verrichtete dann bis zur Kraftwerksabschaltung 1999 seine Arbeit.


Leitwarten

Das Kraftwerk bestand aus vier Blöcken, jeder davon mit einem Kessel, einer Turbine, einem Generator, einem Elektrofilter und einem Kühlturm. In Thierbach gab es zwei Leitwarten: eine für die Blöcke 1 und 2, sowie eine für die Blöcke 3 und 4. An jeder Leitwarte saß im Dreischichtsystem ein Anlagenfahrer und sorgte für einen störungsarmen Betrieb seines Kraftwerksblocks.


Thierbach 1974: Leitwarten der Blöcke 4 und 3,
noch ohne Audatec. Hinten rechts ein IW-500-Pult.

Pult eines baugleichen Prozessrechners IW-500,
aufgenommen im KW Boxberg

Dazu waren im Kraftwerk eine Unmenge Messstellen verteilt, deren Messwerte in den Leitwarten angezeigt wurden und die Anlagenfahrer ggf. zu Reaktionen veranlassten: Zur Automatisierung der Abläufe war zunächst ein sowjetischer IW-500-Rechner zuständig. Ende der 1980er Jahre wurden dann im "Block 4" zur Auswertung der über 1500 (meist analogen) Messstellen Audatec eingebaut. An der Umstellung waren der "VEB Automatisierungsanlagenbau Cottbus", das "Institut für Kraftwerkstechnik Vetschau" und das Geräte- und Reglerwerk Teltow beteiligt. Eine direkte Prozesssteuerung durch die Audatec-Basiseinheiten wäre technisch möglich gewesen, hätte aber große Umbauten am Kraftwerk und eine redundante Auslegung der Audatec bedeutet, dafür stand in den 1980er Jahren kein Geld bereit. Somit arbeitete die Audatec-Anlage in Thierbach als reiner Datensammler und -Anzeiger.

Die für die Digitalisierung der Daten zuständigen Audatec-Basiseinheiten waren im Maschinenhaus in einen Nachbarraum der Leitwarte untergebracht, ebenso Schränke mit Messwandlern, die die Signale der Sensoren auf Normsignale umsetzten. Weitere Messwandlerschränke waren im Kraftwerk verstreut.


Nebenraum der Leitwarte mit den Audatec-BSEs (links).

Nebenraum der Leitwarte mit den Audatec-BSE (hinten rechts).

Messwandler in Verbindung mit der Audatec.

Messwandler und Netzteile in Verbindung mit der Audatec.

Die "Leitwarte 4" wurde für Audatec umgebaut: eine vorgesetzte Blechwand nahm die neuen Bedien- und Anzeigegeräte sowie Bildschirme und Tastaturen auf. Um die Datenflut zu visualisieren, wurden vier 67cm-Bildschirme in die Pultwand eingesetzt, die sich die Bereiche "Luft/Feuer", "Wasser/Dampf", "Turbine" und "Generator" teilten. Diese Bildschirme waren umgebaute Farbfernsehgeräte "Colortron 3000", aus denen HF-, ZF- und NF-Teil entfernt und eine Signaleingangskarte nachgerüstet wurde.


Leitwarte Block 4 mit Audatec im produktiven Einsatz.

Leitwarte Block 4 mit Audatec im produktiven Einsatz.

Die vier eingebauten Audatec-Bildschirme.

Links unten eine Audatec-Tastatur, rechts das Pult PSR5.

In das Kraftwerkspult wurden senkrecht die Audatec-Tastaturen eingebaut, man konnte über sie Ereignisse bestätigen und die Anzeige spezifizieren. Die zugehörigen Pultsteuerrechner (PSR1-PSR4, Typ "Pult Freie Bilder") standen zusammen mit den Basiseinheiten in einem Nachbarraum der Leitwarte. Für Sonderzwecke stand in der Leitwarte ein weiteres Audatec-Pult "PSR5" samt Farbbildschirm, Floppystation und Drucker.

In einem kleinen Nebenraum der Leitwarte stand ein Audatec-Applikationsrechner mit Schwarz-Weiß-Bildschirm, der automatisiert ausgewählte Prozessdaten aller vier Blöcke von den Basiseinheiten abrief und per Modem zum alten Kraftwerk Lippendorf schickte. Außerdem befand sich dort eine Datenbahnsteuereinheit, die den Netzwerkverkehr der gesamten Anlage steuern konnte.

Die Audatec-Komponenten waren über ein redundantes Netzwerk (Datenbahn) verbunden. Als Verbindungskabel kamen doppelt-geschirmte Koaxkabel zu Einsatz, die Leitungen wurde zur Sicherheit auf getrennten Kabelbahnen durch das Kraftwerk geführt. Die Kontrolle über die Datenbahnen wurde alternativ von der DSS0 im Rechenzentrum oder der DSS1 im Wartennebenraum ausgeübt (Standardmäßig DSS0 aktiv). Beim Hochfahren der Audatec-Anlage wurden Disketten mit Strukturiersoftware über eine der Floppy-Disk-Einheiten per Netzwerk in die BSE und in die PSR geladen.

Auf Grund der politischen Wende und der damit verbundenen Unklarheiten zur weiteren Nutzung des Kraftwerkstandortes wurde an den Blöcken 1 - 3 der Einsatz von Audatec nicht realisiert, stattdessen wurden dort kleinere Systeme zur Messwerterfassung, -darstellung und -archivierung auf PC-Basis unter MS-DOS 6.22 und Windows 3.11 eingesetzt.


Leitwarten der Blöcke 2 und 1 im produktiven Einsatz (1990er).

Bei unserem Besuch in Thierbach waren leider alle diese Geräte des Maschinenhauses bereits verschrottet.


Rechenzentrum

Aus der Leitwarte gelangten die Messwerte per Datenbahn ins Prozessleit-Rechenzentrum. Das Rechenzentrum war im zweiten Obergeschoss des Kraftwerks-Verwaltungsgebäudes (genannt "Kompaktgebäude") untergebracht. Seine Aufgaben bestanden im wesentlichen im Abgreifen der Daten, ihrer rechnerischen Auswertung, ihrer Archivierung und dem Druck entsprechender Listen.

Durch mehrere im Rechenzentrum stehende Audatec-Rechner erfolgte die Selektion der interessanten Daten, ihre Visualisierung und eine sichere Trennung der Prozessleitebene von der Verarbeitungsebene. Zur Audatec-Anlage im Rechenzentrum gehörten:


Die Audatec-Plätze des Rechenzentrums (1999).

Thierbacher A6402-Computer im produktiven Einsatz (1999).

PCs mit schnellen Festplatten als Datenspeicher wurden Anfang der 1980er Jahre noch nicht in der DDR produziert, daher übernahm der gut 1 Tonne schwere Kommerzielle Basisrechner A6402 diese Aufgabe. Bei seiner Inbetriebnahme 1990 im Kraftwerk war der Computer A6402 bereits technisch veraltet und es wurde darüber nachgedacht, ihn gleich durch einen PC zu ersetzen. Letztendlich wurde aber entschieden, das Rechenzentrum doch in der ursprünglichen Form zu betreiben. Sicherlich, weil es für PCs noch keine Audatec-Software gab. Thierbach war vermutlich das einzige Kraftwerk in der DDR, in dem ein A6402-Rechner in Kopplung mit einer Audatec-Anlage eingesetzt wurde.

Im A6402 waren anfangs Wechselplatten CM5400 als Massenspeicher eingebaut. Wegen ihrer Unzuverlässigkeit wurden sie noch vor der produktiven Nutzung durch vier Festplatteneinheiten K5502 ersetzt. Im Zuge einer Reparatur wurde später die DM3-Festplatte durch eine kleinere Festplatte Typ K5501 ersetzt. Die vier Magnetbandlaufwerke dienten der Archivierung der Daten, die beiden Lochbandeinheiten der Installation der Programme für die Audatec-Anbindung und -Auswertung. Zwei Netzwerkkarten bewirkten die Anbindung der A6402 über einen Koppelrechner an die Kraftwerks-Datenbahn.

An mehreren Terminals arbeiteten der Systemadministrator und die Bediener. Sie sorgten neben dem Ausdrucken statistischer Listen auch für die Archivierung der Daten auf Magnetband.


Rekonstruktion der Struktur der gesamten Anlage. Rot=Datenbahn, Blau=sonstige Kabel.

Der ebenfalls im Rechenzentrum befindliche Computer MRES wurde als Programmierrechner für Steuerungen auf K1520-Basis verwendet, hatte also mit den anderen Geräten im Raum nicht direkt zu tun. Außerdem stand ein Bürocomputer A5120 für allgemeine Anwendung bereit.

Der Computer A6402 arbeitete mit dem Betriebssystem MOOS, das anfangs auf Wechselplatten, später auf Festplatten abgelegt war. Unter diesem Betriebssystem liefen verschiedene Tasks, die die Daten per Netzwerkleitung anforderten, sie in großen Dateien auf den Platten wegschrieben, Prüfungen auf Glaubwürdigkeit der Daten unternahmen, Drucklisten erstellten, diese ausdruckten sowie die Daten auf Magnetband archivierten.
Die Software der Audatec-Rechner befand sich zur Hälfte in EPROMs in den Rechnern, die andere Hälfte wurde beim Anfahren von Diskette geladen.

Angenehm bei diesem Rechenzentrum war, dass es Fenster besaß und wir daher (im Gegensatz zum Rechenzentrum Schönebeck) nicht mit Taschenlampen arbeiten mussten. Das Rechenzentrum hatte, wie üblich, einen Ständerfußboden, unter dem die Kabel entlang geführt waren. Um den Lärm der Rechentechnik (Lüfter, Lochbandgeräte) nicht nach außen dringen zu lassen, waren die Wände und die Decke des Raumes mit Schallschutzplatten verkleidet. Um im Sommer eine Überhitzung der Anlagen zu verhindern, befand sich im Nachbarzimmer eine Klimaanlage, die das Rechenzentrum mit Kaltluft flutete.


Steuereinheit der Klimaanlage.

Im durch eine Glasscheibe abgetrennten Nachbarraum, in dem Fachingenieure der Abteilung Prozessrechentechnik arbeiteten, befand sich einst ein mit der Audatec-Anlage gekoppelter PC, der irgendwann den A6402 ablösen sollte, was er aber nie tat. Außerdem befand sich dort das Softwarearchiv.

Zusammengefasst hatte das Rechenzentrum in Thierbach fast dieselbe Funktion wie das bereits fürs Museum gerettete Rechenzentrum in Schönebeck, allerdings war Thierbach technisch eine Rechnergeneration jünger und wesentlich leistungsfähiger.
Audatec-Anlagen hatten nur in wenigen in DDR-Kraftwerken Anwendung gefunden, obwohl sie diese Anforderung sehr gut hätten erfüllen können.

Es gab im Kraftwerk Thierbach noch ein weiteres Rechenzentrum für ökonomische Aufgaben mit einem Computer R4201 und einem Datensammelsystem (vermutlich A5220), das bei unserem ersten Besuch dort aber bereits abgerissen war.


Inventar des Rechenzentrums

Im Rechenzentrum befanden sich bei unserem Besuch:

Geräteaufteilung im Rechenzentrum.



Zustand des Rechenzentrums

Da das Gebäude baulich noch in gutem Zustand war und sich außerdem einige schützende Stockwerke darüber befanden, war es im Rechenzentrum bei unserem Besuch noch trocken, weshalb es auch keine Rostspuren an den Geräten gab. Spezielle Einbruchsschutz-Maßnahmen gab es hier nicht: die Lage im 2. Obergeschoss im eingezäunten und bewachten Kraftwerksgelände bot hinreichende Sicherheit: eine Tatsache, die auch nach der Schließung des Kraftwerks von unschätzbarem Vorteil war, denn so blieb den Rechnern die Zerstörung durch Vandalen oder Metalldiebe erspart.

Im Rechenzentrum fehlten bereits die zum A6402-Rechner gehörenden Terminals samt Verkabelung und Tastaturen. Ebenso die zur AUDATEC gehörenden Farbbildschirme K7226. Die Sachen wurden vermutlich von der Ausräummannschaft verschrottet. Vom MRES-Computer, der bei unserem ersten Besuch 2001 noch vollständig war, verschwand in den kommenden Jahren auf unerklärliche Weise die Tischplatte samt Tastatur. Dasselbe Schicksal erlitten der Multiplexer des A6402-Rechners (ein ziemlich schweres Gerät in Form zweier 19-Zoll-Einschübe, das für die Verteilung der Rechnerdaten auf die einzelnen Terminals und Drucker zuständig war). Weiterhin fehlten in den Lochbandeinheiten des A6402 beide Lochbandstanzer, wobei bei einem davon die Anschlusskabel einfach durchgekniffen waren. Bei einem Rechnerschrank fehlt vorn die Abdeckung der Lüfterkassette. Hier die Phantombilder der vermissten Dinge:


Fehlt: Bildschirme K7226. Das Bild zeigt ein Vergleichsgerät.

Fehlt: die Multiplexereinschübe

Fehlt: Lochbandstanzer.

Fehlt: Teile des MRES-Rechners.
Das Bild zeigt ein vollständiges Vergleichsgerät.

Fehlt: Software (Magnetbänder).

Fehlt: Abdeckung der Lüfterkassette.

Der durch eine Glasscheibe abgetrennten Nachbarraum war bereits völlig leer: Vom PC, von schriftlichen Unterlagen und von der Software, die in diesem Raum gelagert waren, fehlte jede Spur. Letzteres sollte sich später noch als großes Problem herausstellen.

Wir haben die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass die Sachen irgendwo überlebt haben.

Weiß jemand, was aus diesen Sachen geworden ist? Wir würden, falls noch existent, gern wieder die Anlage komplettieren. Oder hat jemand baugleiche Ersatzgeräte?


Bergung, Etappe 1

Die BIQ kam unseren Bemühungen sehr entgegen und ermöglichte eine preiswerte und unbürokratische Übergabe der Rechneranlage. Die rechtlichen Formalitäten waren bald geregelt und so konnte im Sommer 2003 der Prozessorschrank des A6402 in demontiertem Zustand auf die Reise gehen. Der letzte Elektriker des Kraftwerks schaltete dazu den Fahrstuhl wieder ein, ohne den ein Abtransport zu zweit nicht möglich gewesen wäre.

Nach zwei PKW-Fahrten mit Anhänger (85 km von Thierbach nach Halle/Lettin) war es bereits Abend, als wir die Komponenten in die Garage verstauten (die damit ausgefüllt war) und den geliehenen Hänger zurückgaben. Am nächsten Tag wuchteten wir den Rechner mit mehreren Freunden in den Werkstattkeller, wo er in zweiwöchiger Arbeit wieder grob zusammengesetzt wurde.


Dornröschenschlaf: der Prozessor-Schrank im Keller.

Eine Inbetriebnahme im aktuellen Umfang wäre technisch möglich gewesen, wurde aus Zeit- und Platzgründen aber ausgesetzt.
Die Bergung der anderen Thierbacher Geräte war aus Platzgründen vorerst nicht möglich.


Bergung, Etappe 2

Nach 2-jähriger Zwischenlagerung im Keller setzten wir im Jahr 2005 den Prozessorschrank in das Deutsche Chemiemuseum Merseburg um. Dort ergaben sich neue Unterstellmöglichkeiten und nun konnten wir uns an die Bergung der restlichen Geräte aus Thierbach machen.

Zu diesem Zeitpunkt befanden sich im Kraftwerk noch drei A6402-Rechnerschränke, die AUDATEC-Anlage, die Drucker sowie der MRES.
Die Geräte im zusammengebauten Zustand zu transportieren war unmöglich: jeder der A6402-Rechnerschränke wiegt vier Zentner und auch die AUDATEC-Rechner scheinen vom Gewicht her aus massivem Eisen zu bestehen. Der A6402-Rechner besteht aus Modulen, die verhältnismäßig einfach zu demontieren waren, aber trotzdem durch ihr Gewicht einige Probleme machten, immerhin wiegt ein Lochbandeinschub gut 1 Zentner, die Festplatten je 65 kg. Die AUDATEC-Anlage hat herausnehmbare Rechnereinschübe.
Alle Geräte waren durch den Fußboden verkabelt, nach Herausheben einiger Bodenplatten fädelten wir Kabel um Kabel heraus.


Der K1630-Rechner, entkernt, aber noch in 1 Stück...

...steht hier schon zum Abtransport bereit.

Das eine Ende des Kabels ist hier...

...und hier irgendwo muss das andere Ende sein.

Sechs Hobbykollegen arbeiteten beim Abbau Hand in Hand und unsere beim Abbau des Rechenzentrums Schönebeck gewonnenen Erfahrungen kamen uns nun zugute. Für die Dokumentation der Verkabelung und die Zerlegung der Anlage brauchten wir zwei Tage. Am 16.06.2006 war es soweit: alle Geräte standen, in halbwegs handliche Fragmente zerlegt, zum Abtransport bereit.


Am längsten dauerte die Zerlegung der AUDATEC...

...von der hier gerade ein Schrank zur Seite geschafft wird.

Hier stand einen Tag zuvor noch die AUDATEC...


...die nun zusammen mit den anderen zerlegten Geräten
neben der Tür auf den Abtransport wartet.

Der im Bürogebäude befindliche Fahrstuhl durfte aus Sicherheitsgründen leider nicht mehr benutzt werden, doch wir hatten Glück: im Maschinenhaus, das mit dem Bürogebäude über einen Brückengang verbunden war, gab es einen noch funktionsfähigen Lastenaufzug. Die 50 Meter bis zum Aufzug transportierten wir die Geräte per Handwagen, Sackkarre und Möbelroller. Die zwischen Rechenzentrum und Brückengang befindliche ½-Meter-Steigung in Form einer Rampe machte dabei den Transport bei hochsommerlichen Temperaturen zu einer schweißtreibenden Arbeit. Nebenbei registrierten wir, dass im Zuge der Abrissarbeiten bereits alle Turbinen und Generatoren aus dem Maschinenhaus verschwunden waren.


Alles musste durch diesen Flur...

...z.B. hier drei Magnetbandlaufwerke.

Der Brückengang vom Zentralbau aus gesehen.

Abtransport von Kabeln.

Wieder und wieder fuhr der Aufzug...

...mit unserer wertvollen Fracht beladen.

Ein bei der Firma AVIS gemieteter 3,5t-Kleintransporter erwies sich als das für den Transport geeignete Gefährt, damit traf die geborgene Technik nach 70 km Fahrt wohlbehalten in Merseburg ein.


Das Auto war zum Schluss so voll...

...dass die Türen kaum noch zu gingen.

Das Rechenzentrum leert sich beträchtlich.

Glücklich: Das Abbau-Team nach getaner Arbeit in Thierbach.

Während der Fahrt schlug das Wetter um und kaum waren die Geräte in Merseburg verstaut, öffnete der Himmel seine Schleusen und es goss wie aus Kübeln.


Ankunft und Abladung in Merseburg.

Die Thierbach-Rechner befanden sich nun in bester Gesellschaft: der Ausstellungsraum beherbergte auch einige DDR-Kleincomputer, Bürocomputer sowie die ESER-Geräte aus Markkleeberg. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte...


Bergung, Etappe 3

Im September 2007 rückte ein dreiköpfiges Abbau-Team erneut ins Kraftwerk ein: Dort befanden sich immer noch die sechs Nadeldrucker SD1157/267, ein Typenraddrucker SD1152/251 sowie die drei Rechnertische, vier Druckertische und der als Regal benutzte leere Rechnerschrank. Die in einer mehrstündigen Arbeit zerlegten Tische sowie der kleine Rechnerschrank sollten ihre neue Heimat im geplanten Computermuseum Plauen finden.


Die Rechner- und Druckertische...

...waren binnen kurzer Zeit zerlegt.

Gar nicht einfach,
die ausgehängten Druckerscharniere wieder einzuhängen.

Arbeiten beendet, alles steht zum Abtransport bereit.


Einen der Nadeldrucker haben wir gleich ins Auto getragen, was bei seinen 65 kg Gewicht und den zwei Stockwerken Wegstrecke eine ziemliche Belastung für die Bandscheiben war. Einige Monate später gesellte sich dieser Drucker in Merseburg wieder zu seinem Rechner.


Bergung, Etappe 4

Im März 2008 unternahmen wir den nächsten Anlauf: diesmal ging es um den Ständerfußboden, der im Bunker Kolkwitz ein neues stilechtes Zuhause finden sollte. Was auf den ersten Blick recht einfach aussieht, entpuppte sich doch als handfeste Arbeit: Als erstes mussten die Abdecknippel der Schrauben herausgehebelt, dann die Platten losgeschraubt, herausgehoben und samt ihrer Metallverstrebung nach unten gebracht werden. Eine Fußbodenplatte wiegt 11 kg, damit war der Transport aus dem 2. Obergeschoss trotz vieler fleißiger Hände nur durch oftmaliges Treppensteigen zu bewältigen. Zwei der beim letzten Mal zerlegten Druckertische wurden bei der Gelegenheit auch mit verladen.


Beginn der Arbeiten.

Einige Stunden später klafft ein großes Loch im Fußboden.

Das Projekt des Plauener Computermuseums war leider inzwischen gescheitert, damit auch die geplante Unterbringung für die Geräte.

Das Ende der Arbeiten für diesen Tag kam bereits mit der Verladung der Hälfte der Fußbodenplatten durch das Erreichen der Maximallast des LKW, der mit den vorher in Mehna abgeholten ESER-Geräten des ehemaligen Markkleeberg-Rechenzentrums schon reichlich vorbelastet war.


Unten wartet unser LKW.

Die im Rechenzentrum verbliebenen sechs Drucker wurden in zwei PKW verfrachtet (erstaunlich, dass die da rein passten) und an Hobbykollegen in der Fangemeinde verteilt.


Zwei voluminöse Drucker im PKW hochkant eingestapelt...

...und ihre stolzen neuen Besitzer.

Draußen gingen derweil die Abbrucharbeiten am Kraftwerk weiter: Der Schrägaufzug für die Kohle wurde gerade zerschweißt und per Kran herabgelassen. Der Brückenübergang, über den wir zwei Jahre zuvor noch die Rechnerteile transportiert hatten, existierte nicht mehr. Die an dieser Stelle vermauerte und verputzte Wand des Kompaktgebäudes legte nahe, dass dieses Gebäude erhalten werden sollte.


Abtransport, Etappe 5

Im April 2008 machten wir unseren letzten Einsatz in Thierbach: Die Bunkerfreunde aus Kolkwitz kamen nochmals mit einem Kleinbus und einem Doppelachsanhänger. Diesmal sollten weitere 100 Fußbodenplatten abtransportiert werden, insgesamt waren 10 Leute an dieser Aktion beteiligt.


Öffnen des Fußbodens.

Abnahme der Schalldämmplatten.

Gegenüber der vierten Etappe hatten wir mechanisch aufgerüstet: ein mitgebrachter improvisierter Baukran am Fenster machte das einzelne Heruntertragen der Fußbodenplatten und der Kleinteile überflüssig. Die Arbeiten wurden entsprechend eingeteilt: ein Team entfernte Nippel und Schrauben und brachte die Platten zum Fenster, ein "Kranführer" ließ die Platten runter und unten stapelte ein drittes Team die Platten in den Anhänger.


Hier wird gerade eine Bodenplatte heruntergelassen...

...und auf dem Anhänger verstaut.

Die noch verbliebenen Rechnertische wurden verteilt: Einer sollte in Zukunft wieder das Terminal und den Drucker des Computers A6402 tragen, der Dreifachtisch und der zu einem Regal umgebaute halbhohe Rechnerschrank gingen nach Kolkwitz, der letzte Einzeltisch kam privat unter. Mit vielen Verrenkungen zwängten wir die 1,10 Meter breiten Tische zum Transport sowohl in einen kleinen Peugeot als auch in einen VW Scirocco.

Als recht kompliziertes Unterfangen erwies sich der Abtransport der Klimaanlage: sie war recht groß und schwer, außerdem an vielen Stellen mit der Umgebung verschraubt. Während sich die eine Hälfte der Leute um die Bergung der Fußbodenplatten im Rechenzentrum kümmerten, trennte die andere die Klimaanlage vom Abluftkanal und den Rohrleitungen und halbierte das Gestell. Das Herausrollen erwies sich als Millimeterarbeit: erst nach dem Abschrauben weiterer Teile passte die Anlage durch die Tür. Die Klimaanlage war für den Baukran zu schwer, also musste sie den Weg durch das Treppenhaus nehmen. Durch den Flur ging der Transport noch recht einfach auf einem kleinen Rollwagen, die Treppe herunter bewegten wir sie rutschenderweise.


Schwer beladene Fuhre nach Kolkwitz.

Die zum Abtransport vertäute Klimaanlage.

Gegen Nachmittag waren alle Teile auf dem Anhänger und in den PKWs verstaut und machten sich auf den Weg nach Hause. Leider erlebte die Anhängerfuhre unterwegs einen Regenguss, der den Fußbodenplatten nicht gut bekam.


Wir haben ganze Arbeit geleistet.

Im Rechenzentrum befand sich nun außer ein paar Kabeln, Fußboden- und Wandplatten nur noch der Einschaltschrank.


Der Wiederaufbau

Wir setzten den A6402-Rechner zunächst in einem Ausstellungsraum des Deutschen Chemiemuseums Merseburg wieder mechanisch zusammen. Dass eine Wieder-Inbetriebnahme dieses Rechners sehr schwierig werden würde, wurde uns schnell bewusst. Es fehlte uns:

Die erste Aufstellung des A6402 in Merseburg nach dem Wiederaufbau. Der 4. Schrank steht dahinter.



Technischer Zustand und Reparatur des A6402-Rechners

Beim Rechner A6402 handelt sich um einen großen 16-Bit-Mehrplatz-Computer von Robotron entwickelt in den 1970er Jahren und gebaut ab den frühen 1980er Jahren auf Basis des K1600-Rechnerbusses. Er diente in Thierbach der Speicherung der Messwerte und der Durchführung von Berechnungen damit. Herz des Rechners ist der mit vier Mikroprozessoren U830 bestückte K1630-Prozessoreinschub, dem 256 KByte RAM-Speicher zur Verfügung stehen. Mechanisch ist unser Rechner aus vier Schränken aufgebaut: einer enthält die beiden Prozessoreinschübe sowie zwei Festplatten. In den anderen Schränken sind zwei weitere Festplatten, zwei Lochbandgeräte sowie vier Magnetbandgeräte und deren Controller untergebracht.


Die Rechnerschränke

Zum Glück braucht der Computer A6402 keinen Kraftstrom, sondern lässt sich aus normalen 230V-Steckdosen speisen.
Schon beim ersten Einschalten zeigte sich, dass der Erdstrom (36 mA pro Schrank) in den Netzfiltern zu groß für den 20mA-FI-Schalter des Zimmers war und dieser sofort herausflog. Beim Dauertest der Filter im Labor mit Gleich- und Wechselstrom stellten wir fest, dass die Filter stabil arbeiten, der Erdstrom somit von den eingebauten Kapazitäten (~4µF von der Phase auf Masse) herrührt. Vorerst musste unsere Anlage daher ohne Netzfilter auskommen. Eine endgültige Lösung ergab sich erst viel später nach durch die Benutzung eines unempfindlicheren 0,5A-FI-Schalters.

Die Prozessoreinheit neigte dazu, beim Einschalten aufgrund des Einschaltstromstoßes die Zimmersicherung ("B16") herauszuwerfen. Die Lösung war, stattdessen superträge Zimmersicherungen ("D16") einzusetzen, was auch die Lösung des gleichartigen Problems unseres R4201-Computers darstellte. A6402 und Terminal versahen wir wieder mit ordentlichen Netzkabeln.

Der Hauptschütz des Prozessorschrankes erwies sich als recht musikalisch: seine Magnetanker schlossen nicht mehr richtig und das Bauteil verursachte ein heftiges Brummen, was beim Arbeiten mächtig nervte. Nach vergeblichen Biege- und Schmierversuchen tauschten wie den Schütz aus. Ein namensgleiches Ersatzbauteil zu bekommen, war nicht schwer, jedoch steckte die Tücke im Detail: Der alte Rechnerschütz hatte mehr Kontakte als der neue, also kamen wir um eine Zerlegung beider Schütze und einem Wiederaufbau nach der Aus-zwei-mach-eins-Methode nicht herum.


Der Rechner am zweiten Aufstellort in Merseburg, jetzt mit 4 Schränken.

Die Rückseite des Rechners, alle Türen geöffnet.

Die interne Verkabelung des Rechners haben wir nach besten Wissen wiederhergestellt und eine festgestellte Beschädigung des Bandcontroller-Buskabels geflickt. Uns kam zugute, dass wir vor der Demontage die Steckverbinder beschriftet hatten. Trotzdem war es schwierig, die Kabel zu verlegen, da die Einschübe nach vorn ziehbar sind und die Verkabelung über Scharniermechaniken mitlaufen muss, ohne irgendwo hängenzubleiben. Leider hatten wir vor dem Abbau vergessen, Fotos von der originalen Kabelführung zu machen.

Der nächste Schritt bestand in der Überprüfung und Formierung der Netzteilmodule im ausgebauten Zustand. Diese haben sich erfreulicherweise alle als funktionsfähig herausgestellt. Weniger erfolgreich waren die Tests der Lüfterbänke: Einige Lüfter (Hersteller ELMO Hartha oder Pabst) waren mechanisch festgefressen: Offenbar hatte Luftfeuchtigkeit den Kugellagern zu schaffen gemacht. Die lautesten Lüfter haben wir durch neue ersetzt, aus Kostengründen werden wir das aber nicht mit allen machen können. Übrigens: im A6402 gibt es mehr als 25 Lüfter, weitere 50 Lüfter arbeiten in unseren Audatec-Geräten.

Einige wahrscheinlich bei unserem Transport gebrochene Gehäuseblenden haben wir wieder geklebt und kleine Beschädigungen in der Farbe ausgebessert.

Da die Rückwände der Rechnerschränke von den Betreibern des Chemiemuseums als optisch unattraktiv angesehen werden, beklebten wir sie mit Postern, die über Arbeit und Funktion dieses Rechners berichteten.


Terminals

Standardmäßig benutzt der A6402 als Konsole ein Bildschirmterminal K8911 und als Arbeitsstationen mehrere K8912-Terminals. Die originalen Terminals hatten im Kraftwerk Thierbach leider nicht überlebt.


Unser neues Terminal.

Ein funktionierendes K8911 bekamen wir aus anderer Quelle, es leistete uns die ersten Jahre gute Dienste, bis im Jahr 2015 der Zeilentrafo kaputt gingt. Ein Jahr lang benutzten wir den Bildschirm des daneben stehenden K8912 zur Bildschirmausgabe. Ende 2016 haben wir dem K8911 einen neuen Zeilentrafo spendiert, seitdem läuft das Gerät. Ungelöst ist noch das Aufhängen von MOOS beim Booten, könnte ein Firmwareproblem sein.

Ein Terminal K8912 besitzen wir auch, wenn auch in elektronisch defektem Zustand, ebenso ein Grafikterminal K8917, mit dem wir langfristig CAD-Ausgaben mit dem A6402 realisieren wollen.

Über Wandler IFSS->V.24 und V.24->USB können wir auch PC-Terminalprogramme als Ersatz für die Terminals benutzen.


Die Prozessoreinheit

Nachdem sich in Thüringen ein zu unserem Rechner passendes Terminal K8911 gefunden hatte, konnten wir den spannendsten Schritt der Wiederinbetriebnahme machen: Die erstmalige Einschaltung des Prozessors. Als Hürde kam als erstes, dass wir keine Ahnung hatten, an welche der vielen Schnittstellen das Systemterminal gesteckt werden muss und welche Übertragungsparameter der A6402 braucht. Da die Terminals in Thierbach bereits fehlten, blieb uns nur der langwierige Weg über die Analyse der Bewickelung der Leiterplatten.


Der obere Prozessoreinschub
Er enthält neben der CPU quasi nur den Speicher.

Der untere Einschub mit den Controllern,
noch weitgehend ohne Verkabelung.

Trotzdem ließ sich der Rechner vorerst nicht zu einer Bildschirmausgabe überreden. Nach einigem Rätseln kamen wir darauf, dass in der Steck-Reihenfolge unserer Rechnerleiterplatten etwas nicht stimmte. Unerklärlich, wie das passieren konnte...
Nachdem wir auch ein falsch gestecktes Buskabel korrigiert hatten, war es soweit: Die erste Meldung des Prozessors kam auf dem Bildschirm. Hurra! Damit war gesichert, dass der Prozessor zumindest in seinen Grundfunktionen arbeitsfähig ist.


Angestrengtes Arbeiten an der Prozessoreinheit...

Irgendwie will sie einfach nicht funktionieren!

Da ist sie: die erste Bildschirmmeldung.

Viel schreibt er noch nicht, aber wir freuten uns riesig!

Allzuviel kann man mit den Monitorprogramm (ODT) des Prozessors aber nicht machen: es ist zur Auswahl des Boot-Gerätes (Festplatte, Wechselplatte, Magnetband, Lochband) gedacht und ermöglicht das Debuggen von Programmen und das Editieren des RAM-Inhalts.

Die Einsprungbefehle zur Ansprechung eines Bootgerätes funktionierten vorerst nicht, ebenso kamen beim probeweisen Ansprechen einiger Speicherzellen unerwartete Ergebnisse. Einen funktionsfähigen K1600-Rechner als Vergleichsgerät gibt es (weltweit?) leider nicht, aber wir besitzen einige Ersatzplatinen (über deren Funktionsfähigkeit wir allerdings nichts wussten). So haben wir Leiterplatte für Leiterplatte getauscht und jeweils die Fehler beobachtet. Es stellte sich heraus, dass eine der vier Thierbacher RAM-Karten kaputt ist, ebenso eine Karte der Prozessoreinheit. Wir ersetzten beide. Die meisten Karten unseres Rechners konnten wir zunächst nicht auf ihre Funktionsfähigkeit prüfen, aber sie behindern zumindest die Arbeit des Prozessors nicht.

Seit dem Kartentausch lassen sich alle stichprobenartig angesprochenen Speicherzellen lesen und schreiben. Auch die Aktivierung der Bootgeräte (Magnetbandlaufwerke und Lochbandleser) funktioniert jetzt. Mangels Betriebssystem konnten wir aber noch nicht prüfen, ob die Geräte korrekt Daten lesen können.


Allmählich wird der Rechner kommunikativer:

Wir können jetzt Speicherzellen lesen und schreiben!

Im Jahr 2010 gelang es uns unerwartet, einen zu dieser Rechnerart passenden Diskettencontroller zu kaufen.


Die Magnetbandlaufwerke

Zu unserem A6402 gehören vier Spulenmagnetbandlaufwerke CM5300.01, sie dienten in Thierbach der Datensicherung und der Archivierung.

Technisch sind es interessante Einheiten: in einem Aluguss-Chassis stecken drei Motoren: einer macht den Bandvortrieb (Arbeitsgeschwindigkeit in beiden Richtungen und Rückspulen), die beiden anderen halten das Band straff und wickeln es auf. Getriebe oder Treibriemen werde nicht benötigt. Der Capstan-Motor beinhaltet einen Tachogenerator, über den seine Drehzahl festgestellt und elektronisch nachgeregelt wird. Die Zugkraft des Bandes wird in beiden Richtungen durch Bandspannungshebel erfasst, die Drehrichtung und Geschwindigkeit der Wickelmotoren steuern. Hinten sitzen drei Leiterplatten: eine für die Bewegungssteuerung, eine für das Schreiben und eine für das Lesen. Der Magnetkopf hat neun Spuren nebeneinander, von denen acht für die Daten und eine für die Parität benutzt wird. Das Einlegen des Bandes ist etwas mühsam: eine Automatik dafür gab es nicht.


Zwei Magnetbandlaufwerke, Frontklappen geöffnet.

Die Frontblenden aller Magnetbandlaufwerke waren eingeschlagen, wahrscheinlich Maschinenstürmerei der letzten Belegschaft aus Frust über ihre bevorstehende Entlassung oder irgendwelche Wutanfälle der Ausräummannschaft. In mühevoller Kleinarbeit haben wir alle verfügbaren Bruchstücke wieder zusammengeklebt. Leider fehlen einige Splitter und die Klebefugen bleiben natürlich für immer sichtbar.
Bei einem Bandlaufwerk waren aus gleichem Grund die Aufwickelspule und die Blechblende verbogen, die Teile haben wir unter Mithilfe von Hobbykollegen wieder gerichtet. Am besten wäre es, die gesamten Bandlaufwerksblenden auszutauschen, aber leider haben wir keinen Ersatz. Und es sieht so aus, als würde sich das auch nicht ändern.

Ende 2016 kümmerten wir uns um die notwendigen Reparaturen. Die Bandlaufwerke hatten weitere Mängel: Einige Mini-Glühlampen in den Bedientasten waren durchgebrannt, die wir durch baugleiche ersetzten. Die meisten Hälse der Bedientasten waren durch Materialalterung gebrochen, mit Kleber und einer Manschette aus Schrumpfschlauch ließ sich das beheben. Einige Tasten fehlen ganz, da haben wir momentan noch keine Lösung, es wird wohl auf einen Nachbau per 3D-Druck hinauslaufen. Die Mikrotaster, die im Bedienfeld und als Endlagenschalter verwendet werden, neigten zu Kontaktschwierigkeiten durch interne Korrosion. Durch vorsichtiges Zerlegen und Reinigen konnten wir sie wieder in Funktion bringen. Ein unschöner Fehler war, dass sich in den Motoren z.T. die eingeklebten Permanentmagneten abgelöst hatten: Dies passiert besonders, wenn sich Rost durch Feuchtigkeit unter den Magneten bildet und wenn die Motoren Erschütterungen ausgesetzt werden. Letztendlich ist es uns gelungen, die Magnete wieder einzukleben, was wegen der hohen Zugkräfte nicht ganz einfach war.


Kleben der Motormagnete.

Ausgebaute Motoranker.

Demontierte Frontseite, Spannhebel sichtbar.

Rückseite der Laufwerksmechanik

Beim Studium des Handbuches zeigte sich, dass man bei den Bandlaufwerken die grundlegenden Funktionen auch ohne Rechner prüfen kann:


Reparatur eines Magnetbandlaufwerks.

Seit dem Nachstellen der Bandregelungen und dem Ersetzen einiger defekter Lichtschranken-Lampen können wir mit zwei Laufwerken Bänder laden. Bei zweien war die Geschwindigkeitsregelung eines Motors defekt und bei einem fehlten zwei Datenspuren. Unsere Reparaturarbeiten an den Bandlaufwerken sind noch nicht abgeschlossen.


Die Lochbandgeräte

Die Lochbandgeräte dienten in Thierbach dem Einspielen der Verarbeitungsprogramme für die Audatec-Anbindung. Sie sind als herausziehbarer Einschub ausgeführt und beinhalten einen optischen Lochbandleser samt Abwickelschale und einen Lochbandstanzer samt Abwickelspule. Während der Lochbandleser fast geräuschlos arbeitet, sorgt der Stanzer, wenn eingeschaltet, für erhebliche Geräuschbelästigung.

Bei unseren beiden Lochbandeinschüben fehlten leider die Lochbandstanzer. Im unteren Lochbandmodul (PT0) haben wir daher den Stanzer des Computers MRES eingebaut, der seit einer ausgiebiger Reinigung und Schmierung wieder akzeptabel ruhig läuft.


Vorderseite des Lochbandstanzers, links der Lüfter.

Rückseite des Lochbandstanzers.

Im oberen Lochbandmodul (PT1) waren die zum Lochbandstanzer gehenden Strom- und Datenkabel durchgeschnitten. Diese Kabel haben wir repariert und nach längerem Suchen in der Fangemeinde bekamen wir auch für diese Einheit einen neuen Stanzer spendiert.

In beiden Lochbandeinschüben waren die Lochbandleser defekt, genau gesagt waren alle darin befindlichen Gummi-Treibriemen altersbedingt zerfallen. Originale Treibriemen mit rundem Querschnitt waren gerade nicht beschaffbar, daher haben wir quadratische Treibriemen verbaut, die aber, wenn sie sorgfältig ohne jegliche Verdrehung eingebaut werden, auch verwendbar sind. Die Borkohlewiderstände der Lochbandleser neigen noch etwas zum Qualmen, wahrscheinlich verdampft darin aber lediglich alter Schmutz.


Demontierter Lochbandleser, in der Mitte die Treibriemen.

Lochbandleser, die obere Mechanik hochgeklappt.

Vorderseite des Lochbandlesers.

Rückseite des Lochbandlesers, in der Mitte der Motor.

Gerissene Andruckrolle.

Zerfallener Treibriemen.

In beiden Lochbandlesern waren die Polyurethan-Andruckrollen gerissen, eine Folge der Alterung des Materials. Rundgedrechselter PVC-Gartenschlauch erwies sich als ein brauchbarer Ersatz, erforderte allerdings wegen der nicht ganz passenden Maße eine aufwendige Neueinstellung der Andruckmechanik.

Da die Lochbandeinheiten zwecks Lochbandwechsel aus den Schränken ein Stück herausziehbar sind, waren die externen Kabel auf Scharniersysteme gespannt, die auf Basis von sich knickenden Kunststoffteilen arbeiteten und leider wegen Versprödung zerbrochen sind. Dafür haben wir noch keine Lösung, vorerst hängen die Kabel frei herum.

Die Lochbandeinschübe haben Temperaturüberwachungen, die bei Übertemperatur per Kontaktthermometer zwischen den Netzphasen liegende Thyristoren zünden, die dann die Gerätesicherungen zum Schmelzen bringen sollten. In einem der Module war der Thyristor defekt und machte die Zerstörung der Sicherung zu seiner Daueraufgabe.

Bei beiden Stanzern haben wir die fehlenden Lochbandabwickelspulen ergänzt, außerdem die weggebrochene Kralle der Leser-Lochbandabwickelschale aus einem Stück Kunststoff nachgefeilt und eingeklebt.


Reparierte Lochbandeinheit.

Reparierte Lochbandeinheit.

Beide Lochbandleser können nun vom Prozessor aus angesprochen werden, das heißt, das Papier wird auf Kommando durchgezogen. Seit dem Verfügbarwerden eines Urlader-Lochbandes wissen wir, dass die Leser und ihre Controller fehlerfrei arbeiten.


Die Festplatten

Die Festplatten dienten in Thierbach der Ablage von Betriebssystem, Anwenderprogrammen und Kraftwerksdaten. Die zentnerschweren Platten haben ein Plexiglasgehäuse, in dem man dem Innenleben bei der Arbeit zusehen kann. Da sich Fehler verderblich auf Platte und Daten auswirken können und uns die Erfahrung fehlte, haben wir uns erst Jahre später an die Reparatur getraut.

Erste Untersuchungen zeigten, dass alle Festplatten elektrisch defekt waren, als primäre Ursache stellten sich zerfallene oder korrodierte Sicherungen heraus, von denen sich 17 Stück in jeder Festplatte befinden. Nach eingehender Untersuchung der Plattenoberfläche und nach diversen Hardwarereparaturen trauten wir uns 2015, drei Platten einzuschalten und es ergab sich folgende Situation:


Herausgezogener DM0-Festplatteneinschub.

Festplatte DM0 mit teilweise demontierten Leiterplatten.

Die Festplatte DM1 (Typ Robotron K5502) hat die meisten Probleme: das Plattenlager ist schwergängig, was sich darin äußert, dass der abgewürgte Antriebsmotor die Sicherung herauswirft. An das Lager kommt man leider mechanisch kaum ran und aufgrund seiner Präzision im Hundertstel-Millimeter-Bereich können wir das auch nicht einfach ersetzen, abgesehen davon müssten wir den Plattenstapel zerlegen und würden damit sämtliche Daten darauf verlieren. Unsere Hoffnung geht dahin, das Lager mit einem Kriechöl irgendwann wieder leichtgängig zu bekommen. Nachdem wir die Kugellager des Spindelmotors wegen holprigen Laufs einige Stunden in Benzin ausgekocht und mit neuem Fett gefüllt hatten, funktioniert immerhin der Motor wieder ordentlich. Beim manuellen Drehen der Platte wurde sichtbar, dass sich einer der Magnetköpfe an manchen Stellen verkantet. Zum Glück betrifft es die obere Seite der obersten Magnetscheibe, ist also zumindest mechanisch gut erreichbar.


Ausgebauter Antriebsmotor der DM1.

Festplatte DM1, ausgepackt zur Untersuchung.

Festplatten DM0 und DM2, aus dem Schrank gezogen.

Bei Festplatte DM3 (Typ Robotron K5501) leuchtete gleich nach dem Einschalten die Fehlerlampe, der Plattenmotor drehte nicht an.

Die Reparaturen an der DM1 haben wir vorerst abgebrochen, DM0, DM2 und DM3 haben wir im Jahr 2016 letztendlich zum Laufen bekommen. Weitere Arbeiten an den Festplatten sind im Kapitel Software beschrieben.

Parallel verfolgen wir auch noch einen anderen Lösungsansatz: die Originalfestplatten durch fremde Festplatten zu ersetzen. Hilfe dazu lieferte der ehemalige "Feind": Wir kauften eine antike (aber noch unbenutzte) 8-Zoll-Festplatte der Firma BASF sowie eine weitere der Firma Seagate, die beide ein kompatibles SMD-Interface haben sollen. Voraussetzung für die Inbetriebnahme dieser Platten wären allerdings noch zu bauende Adapter für die Datenkabel und die Realisierung einer autonomen Stromversorgung.


BASF-Festplatte, Oberseite.

BASF-Festplatte, Unterseite.



Kassettenmagnetbandeinheit

Ursprünglich waren im Thierbacher Rechner keine Digitalkassettenlaufwerke verbaut. Da wir aber aus anderer Quelle eine Kassettenmagnetbandeinheit K5261 besitzen und sie keinen extra Controller im Rechner braucht, haben wir diese Einheit eingebaut. Bei ihrer Inbetriebnahme stellte sich heraus, dass eine Leiterplatte fehlte, ebenso der Lüfter und zwei Flachbandkabel. Mangels Vergleichsgerät war es nicht einfach, diese Teile nachzubeschaffen bzw. nachzubauen, aber es gelang letztendlich. Danach offenbarten sich viele Fehler im Gerät: ein Netzteil lief instabil und führte andauernd zur Notabschaltung. Beim Test am Bürocomputer K8924 zeigte sich außerdem, dass beide Kassettenlaufwerke defekt waren. Doch auch das ließ sich reparieren.


Unsere neue Kassettenmagnetbandeinheit.

Kassettenmagnetbandlaufwerk während der Reparatur.

Nun ist die Einheit in unserem A6402 eingebaut und angekabelt. Wir können den Kassettenlauf vom Prozessor aus starten, aber nach ca. 1 cm bleibt das Gerät stehen. Es ist zu vermuten, dass der Prozessor versucht, einen Datenblock zu lesen und dann auszuführen, in der Erwartung, dass sich dort ein Stück Magnetkassettensoftware befindet. Da wir keine originalen Magnetkassettensoftware haben, kommen wir an dieser Stelle nicht weiter, vermuten aber, dass unser Kassettenmagnetbandsystem fehlerfrei ist.


Disketteneinheit

Eine Diskettenlaufwerkseinheit (es gab welche für 5,25-Zoll-Disketten oder für 8-Zoll-Disketten) hatte der Thierbacher A6402 ursprünglich nicht. Da eine Inbetriebnahme über Disketten leichter zu machen wäre als über Magnetbänder, beschlossen wir, eine nachzurüsten. Eine originale K1630-Disketteneinheit besitzen wir nicht, da aber die 8-Zoll-Disketteneinheit des Bürocomputers K8915 sehr ähnlich aufgebaut ist, bauten wir so eine um. Die beiden EC5074-Diskettenlaufwerke reparierten wir und wiesen die Funktionsfähigkeit der Netzteile nach. Etwas schwierig war der Einbau in den Schrank, weil die entsprechenden Montagepunkte fehlten und Haltewinkel erst angefertigt werden mussten.


Körpereinsatz beim Einbau der Disketteneinheit.

Unsere neue Disketteneinheit.

Inzwischen gelang es uns, einen Satz Diskettencontrollerkarten zu kaufen und nach Umgruppierung der Rechnerkarten in den A6402 einzubauen. Die Selbstdiagnosefunktion der Karten deutet an, dass sie grundlegend funktionieren.

Das unikate Kabel zwischen Diskettencontroller und Laufwerkseinheit mussten wir selber bauen. Damit sind die Voraussetzungen für die Nutzung von Disketten geschaffen, der Nachweis des Gesamtfunktionsfähigkeit des Diskettensystems ist aber noch nicht möglich. Erste Versuche, vom A6402 aus Disketten anzusprechen, sind leider nicht erfolgreich, weitere Untersuchungen stehen noch aus.


Wechselplatteneinheit

Obwohl unser A6402-Rechner in Thierbach ursprünglich mit Wechselplatten lief, waren diese Laufwerke zu dem Zeitpunkt, als wir die Anlage übernahmen, nicht mehr vorhanden und stattdessen modernere und größere Festplatteneinheiten verbaut.

Ein loses Wechselplattenlaufwerk CM5400 hatten wir durch den Abbau das Niles-Rechenzentrums vorrätig, das bauten wir der schönen Optik wegen in den Schrank ein.


Unsere neue Wechselplatteneinheit.

Geöffnetes CM5400 mit eingelegter Platte.

Bislang haben wir keine passenden Rollschienen, das Laufwerk liegt also nur lose im Schrank. In der K1630-Sloteinheit ist auch momentan kein Platz für den Wechselplattencontroller. Es ist anzunehmen, dass unser Wechselplattenlaufwerk defekt ist.


Seriendrucker SD1157

Die Drucker dienten einst der Ausgabe statistischer Listen über den Zustand des Kraftwerks. Aus dem Thierbacher Druckerbestand ist ein Nadeldrucker SD1157/267 zu uns ins Museum gegangen, für die anderen war leider kein Platz: sie haben eine neue Heimat bei anderen Hobbykollegen gefunden.


Drucker SD1157. Oben drauf liegt ein Temperaturwächter.

Zerlegter SD1157 ohne Netzteile.

SD1157, Rückseite. Netzteilmodule wieder eingebaut.

Auf der Druckwalze sind noch Spuren der Kraftwerker.

Leider passierte beim Einschalten des Geräts zunächst gar nichts, also haben wir ihn zerlegt. Wie so oft waren einige Sicherungen in den Netzteilmodulen vergammelt oder deren Sicherunghalter korrodiert bzw. zerbrochen. Dies zu reparieren, war kein Problem, ein Netzteilmodul blieb allerdings hartnäckig dabei, seine Sicherungen durchzubrennen, ein anderes Netzteilmodul machte schlichtweg gar nichts. Ein Jahr später hatten wir beide Elektronikfehler behoben und seitdem funktioniert der Drucker im Selbsttest und ist an den A6402 angekabelt.


Bergung und Reparatur eines Paralleldruckers

Im Thierbacher Rechenzentrum hatte es keinen Paralleldrucker gegeben, auf der Suche nach so einem seltenen Gerät kam uns der Zufall zu Hilfe: In einem Dorf bei Leipzig hatten in einer Scheune zwei kleine Paralleldrucker Videoton VT27000, die früher an einem K1630-Rechner im Silikatwerk Brandis liefen, als einzige Komponenten dieser Anlage überlebt. "Klein" bedeutet bei Paralleldruckern ein Gewicht von "nur" 200 kg gegenüber den großen Modellen in der Halbtonnenklasse. Es handelt sich um Typenwalzendrucker für Leporellopapier mit einer Druckleistung von bis zu 900 Zeilen pro Minute (also ca. 15 Zeilen pro Sekunde). Aufgrund der Arbeitsteilung im RGW hatte die DDR für ihre Rechneranlagen ab den 1970er Jahren selber keine Paralleldrucker mehr produziert: Im Bereich Kleinrechentechnik war stattdessen die ungarische Firma Videoton zuständig.


In dieser baufälligen Scheune...

...standen zwei VT27000-Paralleldrucker.

Die Drucker von der anderen Seite.

Über den Druckern bröckelten die Mauern schon mächtig.

Der Besitzer der Drucker meldete sich 2007 bei uns: er wollte die Geräte loswerden und die Scheune dann abreißen. Für den zweiten Drucker hatten wir keinen Platz, wir vermittelten ihn an das Elektromuseum in Erfurt. Nach langem Anlauf starteten wir Anfang 2009 zusammen mit dem Elektromuseum die Bergung, unterstützt von einigen Hobbykollegen.

Wir wählten als Transportmittel einen PKW mit Anhänger, die Kollegen vom Elektromuseum kamen mit einem Kleintransporter. Wir konnten zwar bis direkt an die Scheune heranfahren, die letzten zwei Meter mussten die Drucker aber doch konventionell bewegt werden: Aus Ziegelsteinen und Holzbalken improvisierten wir eine Art Schienensystem, über das wir die Geräte dann bis zu den Fahrzeugen ruckelten.


Im Vordergrund Reste der improvisierte Bohlenbahn.

Dieser Drucker ist erfolgreich auf den Anhänger bugsiert,...

...muss nur noch vertäut und abgedeckt werden.

Während der Transport ins Elektromuseum problemlos vonstatten ging, hatten wir mit dem abgedecktem Anhänger Probleme wegen eines mittlerweile aufgezogenen Sturms. Also musste die Abdeckplane runter, in der Hoffnung, dass es nicht regnet. Den anfangs geplanten Weg auf der Autobahn verlegten wir aus Sicherheitsgründen spontan auf die Landstraße und kamen nach einer stundenlangen Fahrt wohlbehalten und trocken in Merseburg an.


Puh, geschafft: Ankunft des Schwergewichts in Merseburg.

Der neue Aufstellort des Druckers.

Der Drucker bekam zunächst ein neues Zuhause im Keller der Hochschule, ganz in der Nähe der Audatec-Anlage. Die ersten Arbeiten bestanden in der Reinigung des Gerätes und der Entfernung von Flugrost.


Ausgeklappte Typenwalze.

Nahaufnahme der Typenwalze.

Das Hammermagazin (unten).

Papierlauf und Papiertraktor. Vorn das Farbtuch.

Seitenansicht mit den Steuerplatinen.

Das Papierführungsgitter.

Mit neuem Stromkabel versehen und unter Vorschaltung einer Strombegrenzung wagten wir dann den ersten Einschaltversuch. Die Stahlwalze drehte auch kurz an, doch jeweils nach 10 Sekunden ging das Gerät wieder aus.


Das Innenleben des Druckers.

Reinigungsarbeiten.

Irgendwie tat der Drucker nichts rechtes und so mussten wir uns wohl oder übel in den (zum Glück vorhandenen) Schaltplan einarbeiten. Das Steuerwerk des Druckers ist weitgehend aus Standard-TTL-Schaltkreisen aufgebaut, somit sollte ein Bauteiltausch kein Problem sein. Mit fortschreitendem Messen fanden wir immer mehr Dinge, die nicht funktionierten: eine defekte Lichtschranke im Farbtuchservo, einen defekten Widerstand im Farbtuchantrieb, auf der Prozessorplatine jede Menge defekte Schaltkreise (besonders Monoflops und Flipflops, aber auch einfache NAND-Gatter und Negatoren ungarischer oder westlicher Herkunft).
Das Abschalten nach 10 Sekunden lag letztendlich an zwei defekten ICs in der Drehzahlüberwachung der Walze. Diese meldeten fälschlicherweise, dass die Walze (z.B. aufgrund festgefressener Lager) zu langsam laufe und schalteten sicherheitshalber den Strom ab.
Da sich das schrittweise Verfolgen der Signale als nicht aussagekräftig erwies, wählten wir die Brut-Force-Methode: Sämtliche Pegel sämtlicher Schaltkreise prüfen und schauen, ob es rechtens ist, wenn so ein Pegel im verbotenen Bereich liegt. Und nicht immer war es rechtens...


Messungen am Prozessor.

Auf der Prozessorplatte sind 92 Schaltkreise.

Das Netzteil des Druckers ist beeindruckend: für die Endstufen stehen 150A bei 75V bereit. Eventuelle Kurzschlüsse bei 11 KW Leistung hätten fatale Folgen und erzwingen ein wohldurchdachtes Arbeiten.

Der Drucker wurde schrittweise funktionsfähig: das Farbtuch wird jetzt wieder angetrieben und korrigiert seine Lage wieder automatisch, die Bereit-Anzeige leuchtet wieder, die Online/Offline-Umschaltung reagiert, das Papier lässt sich per FF/LF-Tasten bewegen. Und -hurra- irgendwann ratterten die ersten Hämmer los.


Zwischenerfolg: Das Bedienteil arbeitet wieder.

VT27000 mit angekoppelter Messtechnik.

Doch damit gingen die Probleme erst richtig los: eine nicht unerhebliche Anzahl der Hämmer war verklemmt. Leider war dies nicht auf Rost oder Schmutz zurückzuführen, sondern darauf, dass sich die Klebung der zwischen den Hämmern befindlichen Magneten gelöst hatte und die Magnete nun an den Hämmern haften. Eine zufriedenstellende Lösung dieses Problems haben wir bislang noch nicht gefunden; wir verfolgen mehrere Lösungsansätze.


Magnetmagazin. Die abgelösten Magneten biegen sich durch
die Magnetkraft nach vorn. Unten die ausgebauten Hämmer.

Auf der oberen Schiene sollten die
Magnete festgeklebt sein.

Derweil gingen auch die äußerlichen Verbesserungen weiter: das vormals von Flugrost befallene Papierführungsgitter strahlt wieder im (fast) neuen Glanz, ebenso der Papiertraktor. Und auch das Druckergehäuse sieht wieder ganz passabel aus.


Papierleitgitter vor der Restaurierung...

...und danach.

Um das Gerät mit 1 Person im Raum verschiebbar zu machen, bauten wir ein passendes Rollbrett und stellten den Drucker dauerhaft darauf.

Ende 2011 bekam der Paralleldrucker ein Geschwisterchen aus dem Sprengstoffwerk Gnaschwitz. Vielleicht können wir in Zukunft aus zwei defekten Druckern wenigstens einen funktionsfähigen machen.


Tische

Aus Thierbach hatten wir mehrere Robotron-Konsoletische (auf die Belange der EDV zugeschnittene Spezialtische) mitgenommen, ein weiterer kam aus anderer Quelle hinzu.


Zerlegte Konsoletische.

Im Chemiemuseum Merseburg mussten die Tische aus Platzgründen zerlegt und eingelagert bleiben, seit dem Umzug ins Rechenwerk-Museum sind alle Tische wieder aufgebaut und tragen jetzt:

Literatur

Aus verschiedenen Quellen haben wir viele Bücher zu dem Rechnersystem zusammengetragen. Es sind im wesentlichen Beschreibungen zur Hardware und zur Software. Schaltpläne sind leider nicht dabei. Um allen Mitwirkenden Zugriff auf die Bücher zu ermöglichen, haben wir alle Bücher eingescannt und in elektronischer Form verteilt.


Ein Teil unserer K1630-Bibliothek.



Ohne MOOS nichts los - das Problem mit der Software

Leider hatte in Thierbach keinerlei Software für die Anlage überlebt (Vermutlich waren die Magnetbänder als leicht entfernbare Objekte vom Kraftwerks-Abrissteam in den Müll geworfen worden). Da die Festplatten noch nicht funktionierten und wir kein Betriebssystem auf Lochband oder Magnetband besaßen, konnten wir die Anlage also nicht booten.

Einen ersten Lichtblick bot eine in der UNI Magdeburg existierende Datei mit einem Festplattenabzug des Betriebssystem OMOS. Leider ist die Datei in diesem Zustand nicht bootfähig, aber eventuell gelingt es uns irgendwann, das Image in einen bootfähigen Datenstrom umzuwandeln und auf Lochband oder Magnetband zu übertragen.
Magnetbänder wären leichter zu handhaben und schneller zu laden als Lochbänder, aber uns fehlt die technische Möglichkeit, Dateien vom PC auf Magnetbänder zu schreiben, dazu müssten wir erst eine entsprechende Ansteuerelektronik konstruieren. Mit Lochbändern wäre die Sache leichter, da wir über funktionsfähige Rechner-Stanzer-Kombinationen verfügen.


Wir können bereits Befehle in den Bootmonitor tippen.

Ein weiteres Puzzlestück ergab sich im Sommer 2009: In den Technischen Sammlungen Dresden fand sich ein K1600-Urladerlochband. Dieses nicht einmal 1 Meter lange Lochband ist die Voraussetzung, um Betriebssysteme von nachfolgenden Lochbändern laden zu können. Zu wissen, dass es ein Lochband gibt und eine Kopie zu kriegen, sind zwei weit entfernte Dinge, denn so einfach gab das Museum sein Exponat nicht heraus. Ein Museumsmitarbeiter hat es letztendlich geschafft, das Band vorort zu duplizieren (Nicht per Computer, sondern Loch für Loch mit einem Handlocher). Diese Mutterkopie vervielfältigten wir anschließend maschinell. Auch wenn wir damit noch kein Betriebssystem besaßen, konnte uns der Urlader einen wertvollen Dienst erweisen: den Nachweis der Funktionsfähigkeit des Prozessors, des Lochbandcontrollers und auch der Lochbandgeräte. Dabei ist diese Sache unspektakulär: Nach Drucken der entsprechenden Taste zieht der Leser das Lochband ein und der Rechner meldet sich wenige Sekunden später auf einer bestimmten Adresse zurück. Die angezeigte Adresse stimmt mit der im Buch angegebenen überein, damit sind wir mit der Reparatur wieder ein gutes Stück voran gekommen.


Klein, aber wertvoll: das K1600-Urladerband.

Unspektakulär: Laden des K1600-Urladers.

Im Jahr 2010 bekamen wir ein Lochband mit der Aufschrift "K1630 PSU" (Prüf-Systemunterlagen = Diagnosesoftware). Der Versuch, dieses Lochband nach dem Urladerlochband zu laden, misslang allerdings: der Leser bleibt mitten im Lochband stehen und der Rechner geht ins Monitorprogramm zurück. Ob unser Rechner diesbezüglich einen Defekt hat oder ob wir das Lochband nur falsch benutzen, ist bislang unklar. Als wir später das Lochband an einem anderen Rechner auslasen, kam die Ernüchterung: Es handelt sich nur um die Prüfsoftware des Druckers SD1157 am K1630-Rechner, nicht um die Diagnosesoftware des Rechners selbst.

Es war wie verhext: Nach wie vor waren wir nicht in der Lage, den Rechner zu starten: entweder fehlte das Laufwerk oder der Controller oder die Datenträger waren nicht bootfähig.

Einen Schritt sind wir vorangekommen, als ein Hobbykollege uns Anfang 2012 ein winziges Hallo-Welt-Programm codierte, das ohne Betriebssystem auf dem Rechner startbar ist. Damit ist auch die korrekte Funktion des Urladerbandes bewiesen. Da unser A6402 softwareseitig teilweise kompatibel mit der PDP11 von DIGITAL ist, hatten wir ein PDP-Speichertestprogramm Byte für Byte in die Konsole eingetippt und damit die Funktionsfähigkeit der ersten 64 KByte RAM nachgewiesen.


Software-Bergung in Meuselwitz

Im Sommer 2009 gab es eine erfreuliche Nachricht: auf dem Gelände des ehemaligen VEB Hochfrequenztechnik Meuselwitz wurde eine größere Anzahl Datenträger von deren einstigem K1630-Rechner entdeckt. Vom Rechner und seinem Rechenzentrum war leider nichts mehr übrig. Die Software lag in einem Schuppen mit offenen Fenstern und bestand aus Wechselplatten, Magnetbändern, Disketten und einigen Lochbändern. Alles war nach 15 Jahren Verwahrlosung fürchterlich schmutzig, eine Vorort-Reinigung war unumgänglich.


In diesem Schuppen herrschte heilloses Chaos,...

...die K1630-Software verstreut darin.

Verdrecktes Magnetband.

Eine Wechselplatte in ähnlich traurigem Zustand.

Die herausgeräumten und bereits gesäuberten Datenträger.

Abtransport der geborgenen Schätze.

Die Magnetbänder waren in einem sehr schlechten Erhaltungszustand, da sie in der Vergangenheit immer wieder feucht geworden sind: die Bandwickel kleben zusammen und die Magnetschicht reißt z.T. beim Abwickeln ab. Hier hoffen wir, irgendwann eine Technologie zu entwickeln, mit der wir die Bänder schadlos abwickeln und auslesen können. Ob das überhaupt möglich ist, steht noch in den Sternen.


Beim Durchleuchten offenbart sich die abgelöste Schicht.

Die Disketten waren in besserem Zustand als die Magnetbänder, leider es ist keine bootfähige dabei. Auf den wenigen überlebenden Lochbändern befindet sich leider kein Betriebssystem.

Mit den Wechselplatten kommen wir auch nicht voran: Wir besitzen zwar ein CM5400-Laufwerk und einen passenden Controller, allerdings ist die Funktionsfähigkeit der als sehr störanfällig bekannten Wechselplattenlaufwerke unsicher. Ob die Daten auf den Wechselplatten noch lesbar und ob diese Wechselplatten überhaupt bootfähig sind, wissen wir nicht. Eine Chance wäre, die Wechselplatten bei jemand, der eine einsatzbereite Rechneranlage mit passendem Laufwerk (z.B. Control Data 9425 oder IBM 5440) hat, auszulesen.


Die Wechselplatten nach der finalen Reinigung.



MOOS wächst!

Mangels Alternativen wagten wir uns 2015 an die Reparatur unserer Thierbacher Festplatten. Das Risiko bei solchen Festplatten ist, dass beim kleinsten Fehler unkorrigierbare Schäden auftreten können. Experimente mit der Festplatte DM0 (Typ Robotron K5502) zeigten, dass die Platte andreht, die Köpfe ausparken und die Bereitschaftslampe aufleuchtet. Nach Wiederherstellung der Verkabelung und dem Versuch, von der Festplatte DM0 zu booten, kamen tatsächlich einige Meldungen des auf der Festplatte befindlichen Betriebssystems MOOS. Allerdings war nach jeweils wenigen Zeilen Schluss, ohne dass wir auch nur ein Kommando eingeben konnten. Nach einigen Wochen des Suchens stellte sich heraus, dass unser Terminal irgendwie dafür verantwortlich ist, denn bei Ankopplung eines Notebooks als Terminal über eine abenteuerliche Wandlung von IFSS nach V.24 und von V.24 nach USB kamen mehr Zeilen und ab und zu auch der Prompt, der uns das erste Eintippen von Kommandos ermöglichte. Der Fehler des Terminals ist bislang nicht behoben.


MOOS, mal wieder beim Bootprozess hängen geblieben.

Mit viel Mühe hat MOOS einmal gebootet.

Allerdings läuft das System extrem instabil, stürzt an beliebigen Stellen ab, verweigerte das Starten sämtlicher Befehle von Festplatte, wobei wir den PIP-Befehl am schmerzlichsten vermissten, da nur über ihn eine Auflistung der Verzeichnisinhalte möglich ist. Einige Befehle befanden sich beim Booten bereits im RAM und die konnten wir immerhin ausprobieren, wie das Anzeigen der Taskliste oder der Gerätetreiberliste. Einige Wochen darauf verschlechterte sich die Lage: wir brauchten immer mehr Boot-Versuche, um den Rechner bis zur Kommandozeile zu bringen. Eines Tages ging es dann gar nicht mehr: aus der Zauber!


Oszillografische Analyse der Datenübertragung.

Kontrolle der Stromversorgung auf Instabilitäten.

Inzwischen hatten wir einen Kontakt zu Jörg aufgebaut, der ein Programm zum Steuern und Daten-Sichern von PDP-Rechnern geschrieben hatte: PDP11GUI. Zunächst schlugen alle Versuche, den A6402 von der PDP11GUI aus anzusprechen, fehl. Was wir zunächst nicht wussten, dass PDP-Konsolen mit 8 Bit serieller Übertragung laufen, während der A6402 7 Bit + Paritätsbit erwartet. Kleine Unterschiede bei der Ausgabe der ODT-Meldungen gegenüber der PDP mussten auch noch programmseitig ausgeglichen werden, ebenso die explizite absolute Adressierung, da der A6402 gegenüber der PDP11 einen Speichermanager (MMU) hat. Irgendwann konnten wir den ODT (die ROM-gestützte Grundsoftware) des A6402 mit dem Konsolefenster der PDP11GUI bedienen, den Speicher nach Controllerkarten durchsuchen und Speichertests ausführen, was soweit erfolgreich verlief. Damit wissen wir jetzt auch, welcher Controller in welchem Adressbereich arbeitet.

Mit Verfügbar-werden des RAM-Zugriffs booteten wir MOOS von Festplatte DM0 und machten in diesem Zustand einen Abzug der ersten 64 KByte des RAM über die Konsole, als eine Art Notfall-Backup.


Das Datensicherungsprogramm.

Die PDP11GUI bietet die Möglichkeit, Makros in die PDP bzw. nun in den A6402 hochzuladen und zu starten. Hier entdeckten wir den nächsten Unterschied zwischen A6402 und PDP11: die unterschiedliche Ansteuerung der Konsoleschnittstelle. Nachdem ein spezieller Konsoletreiber für den A6402 geschrieben war, konnten wir ein ambitioniertes Vorhaben in Angriff nehmen: das Auslesen der Festplatten. Dazu wird ein Dienstprogramm in den A6402 hochgeladen, das Blöcke von der Festplatte liest und komprimiert und mit Prüfsumme versehen auf die Konsoleschnittstelle ausgibt, wo sie vom PC-Programm aufgefangen und abgespeichert werden. Der PDP11-Controller "RK611" erwies sich als softwareseitig kompatibel mit unseren AFP-Controller, für die K5501 und K5502-Platten mussten explizite Definitionen in die PDP11GUI eingebaut werden.

Mitte 2016 waren wir soweit, dass wir das Wohlergehen des Controllers abfragen konnten, der sogleich einen Fehler meldete. Wie sich herausstellte, waren an unserem Festplattencontroller zwei Leiterplatten kaputt gegangen, wir ersetzten sie durch vorrätige. Die Fehlermeldung war damit weg, doch der A6402 bootet trotzdem nicht mehr. Dass das Problem größer war als erwartet, zeigte sich, als wir einige Wochen später per PDP11GUI auf die Sektoren der Platten zugreifen konnten und dabei feststellten, dass die Spur 0 (also die ersten 32 Sektoren) der Festplatte datenseitig zerstört ist. Ermöglicht wurde dieser Fehler durch die aufgrund von verharztem Fett defekten Schreibschutztasten an der Festplatte.

Die Sicherung einer 150-MB-Festplatte über eine 9600-Baud-Leitung ist unglaublich langsam, die Lesezeit liegt bei mehr als 60 Stunden. So lasen wir die DM0-Festplatte in den Folgewochen in 8-Stunden-Etappen aus, was bis September 2016 dauerte. Eine zweite Lesung ergab nahezu identischen Inhalt, letztendlich haben wir die Daten zu einem Finalabzug zusammengesetzt. Wirklich unlesbar ist nur 1 Sektor, der aber inmitten von unwichtigen Daten liegt, außerdem die bereits erwähnte Spur 0. Dieses Ergebnis ist überraschend, wurden uns die Festplatten doch von allen Seiten als sehr fehlerträchtig prophezeit.


Die Datensicherung ist im Gange.

Festplatte DM0 während der Datensicherung.

Die zunächst als riesiger Binärblock auf dem PC abgelegte DM0-Festplatte ist in diesem Zustand nicht handhabbar, also musste ein Programm geschrieben werden, das darin nach MOOS-Verzeichniseinträgen sucht, diese Verzeichniseinträge auflistet und danach die einzelnen Dateien herausschreibt. Das Wissen über die Dateistrukturen entnahmen wir den MOOS-Handbüchern. Einige Wochen später hatten wir mit dem Programm die Verzeichnisstruktur der DM0 auf dem PC extrahiert. Textdateien stellten sich zunächst als inkompatibel zum PC heraus und bedurften einer Konvertierung, bevor sie ihren Inhalt preisgaben. Nun können wir erforschen, was die Kraftwerker einst mit diesem Rechner gemacht hatten: wir fanden außer dem Betriebssystem die Datenlese- und Auswerteprogramme für die Audatec-Anlage, einige Drucklisten (die den Tag der Außerbetriebnahme des Kraftwerks widerspiegeln) sowie einige Spiele.

Danach konnten wir uns Gedanken über die fehlenden 32 Sektoren der Spur 0 machen. In diesem Bereich liegen der Betriebssystemlader, der Mediumbeschreibungsblock und ein Teil der Verzeichniseinträge. Den Mediumbeschreibungsblock könnten wir notfalls mithilfe der Bücher neu schreiben, die fehlenden Datei-Anfänge könnten wir größtenteils durch genaue Beobachtung der binären Muster wieder zusammenpuzzeln. Nur für den Betriebssystemlader gab's zunächst keinen Ersatz.

Die Lösung kam völlig unerwartet: Wir hatten einige Jahre zuvor zwei Magnetbänder eines verstorbenen Hallenser Robotron-Servicemanns geerbt, die bislang unscheinbar in unserem Regal lagen. Als sein Name im Gespräch mit ehemaligen Thierbacher Kraftwerkern fiel, wurden die Bänder hochinteressant: Über einen selbstgebauten Controller ist es uns gelungen, ein CM5300.01-Magnetbandlaufwerk mit dem PC zu koppeln und diese Bänder auszulesen. Und tatsächlich: auf einem befindet sich ein Abzug des Systembereichs unserer Thierbacher DM0-Festplatte. Es dauerte nicht lange, auch den vermissten Inhalt der Spur 0 im Datenabzug zu lokalisieren. Volltreffer! Mit Hilfe eines Makros gelang es uns, die zerstörte Spur 0 neu zu formatieren, anschließend die betroffenen Sektoren wieder mit Daten zu füllen. Im November 2016 hatten wir die Festplatte dann soweit, dass sie wieder bootet. Der Rechner läuft aber nach wie vor instabil.


Untersuchung der Magnetbänder auf Verklebung.

Magnetband-Auslesung am PC.

Durch Tausch von Leiterplatten auf der Festplatte ist es uns gelungen, auch die DM2-Festplatte zum Laufen zu bringen. Per PDP11GUI lasen wir auch ihre Daten aus, was über 1 Monat dauerte, da die Festplatte fast randvoll mit Daten ist. Die DM2 hat ebenfalls kaum Sektorfehler, ist nicht bootfähig und beinhaltet ausschließlich Kraftwerksdaten: die über 1 Monat gemessenen Werte des Werks, verpackt in großen Binärdateien.

Ende November 2016 zeigte sich bei erneuten Versuchen, dass unsere DM3-Festplatte gar nicht kaputt ist und ihre anfänglichen Probleme wohl im Zuge anderer Reparaturen bereits beseitigt sind. Wir lasen die Daten der DM3 auf bewährte Weise aus, was innerhalb weniger Stunden gelang, da diese Festplatte nur mit 8 MB Daten gefüllt ist. Die DM3-Festplatte ist nicht bootfähig und enthält nur betriebsökonomische Daten.


Technischer Zustand und Reparatur der Audatec-Anlage

Für eine museumsgerechte Aufstellung der AUDATEC-Rechner fehlte uns lange der Platz, so hatten wir sie vorerst in einem Keller der Hochschule Merseburg eingelagert und getrennt vom A6402 stückweise aufgebaut.


Aufnahme von 2005: Hier freunden sich
IBE und FDE mit einem A5120 an.

Eingelagerte AUDATEC-Komponenten im Jahr 2005.


Von allen Geräten lasen wir umgehend die EPROMs aus, bevor sich deren Inhalt im Laufe der Zeit von selbst löscht. Mit Ausnahme der DSS und eines Bedienpultes war ihr Inhalt auch noch korrekt.


Verkabelt und funktionsfähig: Die Beistellgeräte Mitte 2009.

Licht aus, Strom an: Beide IBE in Aktion.

Zwei Jahre später hatten wir die meisten Geräte repariert und die Beistellgeräte bildeten dann eine technisch interessante Gerätewand.


Stromzufuhr

Bei der Audatec-Anlage hatten wir weniger Probleme mit der Stromversorgung als beim A6402: Weder gibt es unzulässig hohe Einschaltstromstöße noch zu hohe Erdströme. Alle Geräte werden aus 230V Einphasenstrom gespeist, jeder Rechner hat seine eigene Stromversorgung. So beschränkten sich die Wiederherstellung der Stromspeisung auf die Beschaffung eines großen Netzverteilers und die Beschaffung und den Einbau von Netzkabeln mit Schukosteckern (original wurden die Audatec-Komponenten mit Festverkabelung betrieben).


Lange Steckdosenleiste für einige Audatec-Geräte.

Gedanken müssen wir uns noch über einen Ersatz der NiCd-Knopfzellen auf den RAM-Karten machen: Die originalen Akkus sind alle tot, passende Akkus sind nicht beschaffbar. Es wird also auf einen zentralen Akku heraus laufen, der über noch zu verlegende Kabel die RAM-Stützung der einzelnen Geräte vornimmt.

Ein ziemlich verbreiteter Fehler in den Audatec-Geräten waren defekte Glüh- und Glimmlampen in den Netzschaltern. Während sich die Glimmlampen durch Ionisieren teilweise wieder gangbar machen ließen, blieb uns bei den Glühlämpchen nur der Austausch.


Farbbildschirme

Für unsere beiden Bedienpulte, den SAP sowie die IBE fehlten zunächst die Farbbildschirme K7226. Später haben wir vier baugleiche Farbbildschirme aus anderer Quelle bekommen, die allerdings in äußerlich schlechtem Zustand und defekt waren.


Demontierter Audatec-Bildschirm während der Reparatur.

Demontierter Audatec-Bildschirm, Rückseite.

Dieser Audatec-Bildschirm funktioniert schon wieder.

Schrittweise haben wir alle Farbbildschirme repariert, gereinigt und die Gehäusefarbe ausgebessert.

2015 machte ein Farbbildschirm plötzlich horizontale Wellen im Bild, wofür wir einen defekten Elko im Netzteil dingfest machten. Seitdem laufen alle vier Bildschirme.


Schwarz-Weiß-Bildschirm

Um zu sehen, welche Ausgaben die Koppelrechner machen und außerdem der kleinen IBE einen Bildschirm zu spendieren, hatten wir einen K7221 im schicken orangen Gehäuse beschafft. Er war einst an einem Ursadat5000-Rechner eingesetzt, was an den Einbrennspuren der Bildröhre noch erkennbar war.


Der neue K7221-Bildschirm.

Rückseite des Geräts mit der Spezialbuchse.

In die Rückwand des Bildschirms ist eine Spezialbuchse eingelassen, die sowohl die Betriebsspannung als auch die Bildsignale überträgt. Um diese Buchse weiter nutzen zu können, mussten wir erst einmal den passenden Spezialstecker beschaffen, ein Bauteil, das eigentlich in der Profi-Tontechnik eingesetzt wurde. Den gab's zunächst nur zu unerschwinglichem Preis zu kaufen, irgendwann bekamen wir aber einen solchen Stecker von einem Hobbykollegen geschenkt und damit konnte der Bildschirm im Sommer 2009 in Betrieb gehen. Die Freude währte zunächst nur kurz, denn aufgrund einer vom Hersteller verpolten Buchse in der kleinen IBE gab der Bildschirm binnen Sekunden den Geist auf, ein defekter Transistor war die Folge. Seit August 2009 ist der Bildschirm wieder repariert und die Buchse in der IBE korrigiert.


Inbetriebnahmeeinheit IBE (große Ausführung)

Ein großer Teil der Audatec-Projektdaten (z.B. statischer Bildinhalt) ist in den Audatec-Rechnern auf EPROMs (U555) ablegt. Die IBE diente im Kraftwerk der Erstellung dieser EPROMs mit Berechnung der CRC-Summen.

Mit dem Verfügbarwerden eines Farbbildschirms konnten wir uns der IBE als dem ersten Audatec-Rechner zuwenden: als autonom arbeitende Komponente war ihre Überprüfung und Reparatur mit unseren damals begrenzten Fachwissen einfacher als die der anderen Komponenten.


Die Audatec IBE.

Die IBE, bereits neu verkabelt. Rechts oben der EPROM-Sockel.

Erste Einschaltversuche bewirkten erst einmal nur sinnlose Zeichen auf dem Bildschirm. Zum Glück war dieses Problem nur auf Kontaktfehler an den Leiterplattensteckern zurückzuführen: seit dem Ziehen und erneutem Stecken aller K1520-Leiterplatten versucht nun die IBE, ein Betriebssystem von Diskette zu laden.
Das nächste Problem war, eine passende Tastatur zu finden. Da die originale Tastatur nicht mehr existiert und ihr Typ uns unbekannt war, blieb uns nichts anders übrig, als sämtliche verfügbaren Tastaturen auszuprobieren, bis wir eine K7672 in Verbindung mit einem Y-Kabel als passend herausfanden.

Und dann war es soweit: Mit einer aus einer anderen Quelle stammenden Diskette gelang es uns, das Betriebssystem UDOS zu booten. Nach Ausgabe eines grafischen Titelbildes und Eingabe des Datums geht der Rechner nun entweder zu einer Kommandozeile oder zu einem Menü, bei dem die weiteren Arbeitsschritte per Cursortasten ausgewählt werden können.


Startbildschirm der IBE.

Hauptmenü der IBE.

Mit der IBE können wir nun EPROMs überprüfen und programmieren sowie die Kommunikation auf dem Netzwerk protokollieren. Sie wird uns bei der Inbetriebnahme der anderen Komponenten noch gute Dienste leisten.


Hier ist die IBE dabei, einen EPROM zu brennen...

...und hier bietet sie Dienste zum Abhören des Netzwerks an.



Inbetriebnahmeeinheit IBE (kleine Ausführung)

Die kleine IBE (im tragbaren EGS-Gehäuse, aber trotzdem über 30 kg schwer) hatten wir in Einzelteilen in Müll gefunden, sie war in einem leider sehr schlechten Zustand: sämtliche Leiterplatten fehlten und zwei Busstecker waren durch Vandalismus zerstört, außerdem war das Gehäuse gerissen und verbeult. Die meiste Arbeit machten die zerstörten Busstecker: dazu musste das Gerät total-zerlegt werden, die kaputten Stecker stückchenweise entfernt, anschließend die neuen Stecker eingelötet werden. An einem dieser Stecker befinden sich zu unserem Ärger 65 Wickelverbindungen, die auch erneuert werden mussten.


Die Frontblende der IBE, im Schutt gefunden.

Zerstörte Platinenslots.

Zerlegte IBE.
Der Schraubenzieher stützt das Chassis ab.

All diese Wickelverbindungen
mussten erneuert werden.

Nach längerem Suchen konnten wir fast alle Leiterplatten nachkaufen und bekamen außerdem auch einige von Hobbykollegen geschenkt. Die EPROMs duplizierten wir von der großen IBE, die auch zum Testen der neuen Leiterplatten herhielt. Und so war es Mitte 2009 endlich soweit: wir konnten das Gerät einschalten und bekamen die bekannten Startmeldungen von UDOS.


Die Leiterplatten der IBE sind wieder komplett,...

...Verkabelung und Gehäuse sind es auch wieder.

Doch eine versteckte Boshaftigkeit lauerte noch in der IBE, genau gesagt in der Stromversorgung für den Bildschirm: Der Hersteller hatte doch tatsächlich bei diesem Gerät versehentlich auf dem Stecker die Polarität der Betriebsspannung vertauscht, was, solange der Farbildschirm mit seiner eigenen Stromversorgung benutzt wird, nie auffiel. Unser fremdgespeister Schwarz-Weiß-Bildschirm hingegen mochte das Verpolen der Spannung keinesfalls tolerieren und verlieh dieser Meinung mit dem sofortigen Durchbrennen seines Transverters Nachdruck. Da die Anschlüsse durch andere Teile verdeckt sind, musste die IBE noch einmal total-zerlegt werden. Im August 2009 waren die Arbeiten an der kleinen IBE dann endlich abgeschlossen und auch der Bildschirm wieder repariert.


Was die große IBE kann, kann nun auch die Kleine.

Doch die Freude währte nicht lang: Ende 2009 "verabschiedete" sich die Speicherkarte: Der Rechner brachte beim Einschalten nun eine Fehlermeldung und verweigerte das Booten. Wir ersetzten die Speicherkarte, seitdem ist die kleine IBE funktionsfähig.


Floppy-Disk-Einheit FDE

Die Aufgabe der FDE ist es, den Netzwerkzugriff der Pulte auf die Diskettenlaufwerke zu arrangieren und dabei die Dateiarbeit zu übernehmen.

Unsere erste FDE funktionierte nach dem Einschalten zunächst nicht: die LED auf der RAM-Karte blieb aus und der erwartete Zugriff auf die Diskettenlaufwerke erfolgte nicht. Auch hier erwiesen sich Kontaktfehler an den Platinensteckern als Fehlerursache (scheint ein recht häufiger Fehler bei audatec zu sein). Die Leiterplatten einige male zu ziehen und neu stecken brachte Abhilfe. Eine Diagnosemöglichkeit bietet das Gerät durch einige LEDs links vom Diskettenlaufwerk: Deren schrittweises Verlöschen signalisiert den Erfolg der einzelnen Selbstdiagnoseschritte.


Audatec FDE-Rechner.

FDE-Rechner, Innenansicht.

Nun greift der Rechner beim Einschalten nach einem vorangegangenem langen Selbsttest wechselseitig auf die Laufwerke zu, in der Hoffnung eine CP/M-Bootdiskette zu finden. Die hatten wir damals aber zunächst noch nicht. Die Lösung für dieses Problem ergab sich in einem Besuch im Technikmuseum Teltow. Dort befinden sich einige Audatec-Disketten, von denen wir freundlicherweise Kopien anfertigen durften. Mit denen bootet unsere FDE nun auch, was sie am Ende durch Aufleuchten der "Bereit"-Lampe quittiert. Einen Bildschirm zur Ausgabe besitzt die FDE ja nicht.


Erfolgreich gebootete FDE (grüne LED oben rechts).

Die zweite FDE widersetzte sich uns anfangs erfolgreich: laut Anzeige-LEDs bekam der Rechner keinen Strom. Trotzdem schienen alle Netzteilmodule im ausgebauten Zustand zu funktionieren. Nach langem Tüfteln bemerkten wir, dass die Stecker eines Netzteilmoduls durch lockere Nieten seitlich weggebogen wurden und keinen ordentlichen Kontakt gaben.

Mitte 2015 ging ein Netzteilmodul kaputt, wir haben es kurzerhand ersetzt. Seitdem sind beide FDEs funktionsbereit.


Datenbahnsteuerstation DSS

Die DSS ist die zentrale Instanz des Netzwerkes und legt fest, wer wann mit wem in Netzwerk kommunizieren darf. Sie ist zur Erhöhung der Ausfallsicherheit intern doppelt aufgebaut, somit sollte theoretisch für alle Baugruppen bei der Reparatur Redundanz da sein. Doch die beste Redundanz nützt nichts wenn, wie in unserem Fall, die ROM-Karte des zweiten Rechners fehlt und auf der gleichen Leiterplatte im ersten Rechner ein ROM defekt ist (Datenwiederholung alle 32 Byte, also ein Adressfehler). Nach langem Grübeln ergab sich die Lösung ganz einfach: Auf einen K0421-EPROMer gesteckt, konnte, im Gegensatz zu allen anderen EPROMern, der problematische ROM doch noch fehlerfrei gelesen werden. Danach konnten wir den betreffenden ROM einfach neu brennen und hatten damit schon mal 1 kompletten DSS-Rechner.
Eine leere ROM-Karte zu beschaffen und die ROMs vom ersten DSS-Rechner in den zweiten zu duplizieren, schien dann nicht schwer. Jedoch hatte die leere ROM-Karte einen Kurzschluss, der die neu gebrannten 16 EPROMs gleich wieder zerstörte. Zum Glück hatten wir noch eine weitere ROM-Karte vorrätig und mit der lief der Rechner dann an.


Audatec DSS, provisorisch verkabelt.

Die DSS, endgültige Aufstellung.

Unsere DSS ist damit funktionsfähig.


Koppeleinheit KE/1

Die KE/1 diente der Anbindung des Rechners A6402 an das Audatec-Netzwerk.

Beim Einschalten beschwert sich die Überwachungseinheit der KE1, dass die RAM-Akkus entladen sind, was ja auch zutrifft, aber sich sicher kein Problem sein sollte. Was an dieser Stelle zu tun ist, ist noch unbekannt.


Audatec Koppeleinheit KE/1.

Innenansicht der KE/1, teilweise verkabelt.

Bei Ankopplung eines Schwarz-Weiß-Bildschirms kommen einige Ausgaben, aber mit denen können wir noch nichts anfangen.


Koppeleinheit KE40

Dieses Gerät, das zur Ankopplung von Bürocomputern an das Audatec-Netzwerk diente, zeigt dasselbe Verhalten wie die KE/1: Die Überwachungseinheit meldet, dass die RAM-Akkus leer sind.


Innenansicht der Audatec KE40.

Leider haben wir keinen Wartenrechner, den wir hinter die KEs hängen können. Wir hoffen, mit der IBE irgendwann einen Wartenrechner simulieren zu können, allerdings ist uns das noch nicht gelungen.

Unser Versuch, der Koppeleinheit mit einem MON2.1-Bildschirm irgendwelche Ausgaben zu entlocken, war vorerst nicht von Erfolg gekrönt und so glaubten wir lange, dass der Rechner gar keine Bildschirmausgaben macht. Erst viel später entdeckten wir, dass die Bildschirmsignale nicht kompatibel mit dem von uns benutzten MON2.1 sind, denn am K7222 und K7221 kommen die Bildschirmausgaben korrekt. Bei der Gelegenheit hatten wir erstmals Gelegenheit, das Betriebssystem EIEX zu sehen.


Startbildschirm der Koppelrechner.

Die KE40 teilt sich nun mit der KE/1 und der kleinen IBE einen Schwarzweiß-Bildschirm K7221.


Bedienpulte BP

Mit Verfügbarwerden eines Farbbildschirms setzten wir eins der Bedienpulte wieder zusammen. Das Unangenehme bei dieser Geräteart ist, dass sie unhandlich groß und sehr schwer sind: Um so ein Gerät zur Seite zu heben, braucht man mindestens zwei Leute. Also bekamen alle Pulte maßgenaue Rollbretter unter die Füße.

Nach einigen Reparaturarbeiten gab das erste Bedienpult endlich Lebenszeichen von sich: Nach jeweils langem Selbsttest kommt eine erfolgversprechende Meldung auf dem Bildschirm.


Unsere Audatec-Bedienpulte.

Rückseite der Bedienpulte und des SAP.

Meldung nach dem Einschalten auf dem Bedienpult.

Allerdings reagierte der Rechner vorerst auf keinerlei Tastatureingaben. Über die Ursache haben wir lange gerätselt, die Tastaturen zerlegt und diagnostiziert, Kabel durchgemessen, Rechnerkarten getauscht: Nichts hat geholfen. Die Lösung dieses Problems kam eher zufällig: Seitdem die DSS repariert ist und wir die Datenbahn aufgebaut haben, lassen sich auf dem Pult auch Menüs starten. Offenbar ist ein funktionierendes Netzwerk die Voraussetzung für jegliche Pultarbeit. Nun können wir das erste Bedienpult auch zur Diagnose der anderen Rechner verwenden, da diese ihre Fehlermeldungen per Netzwerk an das Pult schicken.


Auflistung der im Netz befindlichen Geräte.

Gerätestatus, in diesem Fall der des Pultes selbst.

Dateiarbeit des Pultes mit Zugriff auf die FDE.

Betriebsprotokoll-Anzeige des Pultes.

Im zweiten Bedienpult war die Bildschirmkarte defekt. Zum Glück hatten wir noch eine vorrätig. Trotzdem wollte das zweite Pult nicht funktionieren. Es führte zwar beim Einschalten seinen Selbsttest korrekt aus, ging bis ins Hauptmenü und stoppte dann 1 Sekunde später den Prozessor mit einer nichtssagenden Fehlermeldung wegen undefinierbarer Speicherfehler. Wir haben systematisch alle Baugruppen, selbst Netzteile und die Einschaltsteuerung mit dem anderen Pult getauscht: Trotzdem bliebt der Fehler konstant im zweiten Pult. Wir vermuteten dann einen Fehler in der Rückverdrahtung der Platineneinheit und haben daraufhin alle Bewickelungen mehrfach intensiv untersucht, eine Arbeit, bei der einem die Augen beizeiten wehtun. Trotzdem war nichts verdächtiges zu erkennen.
Die Lösung des Problem kam nach ½ Jahr erfolgloser Suche, als wir beide Pulte zerlegt nebeneinander gestellt und verglichen hatten: Im "defekten" Pult war eine Wickelverbindung mehr drin als im Funktionierenden. Seit wir diese Verbindung gekappt haben, läuft auch das zweite Pult. Vermutlich wurde einst über diese Verbindung irgendeine externe Hardware, die wir nicht haben/kennen, überwacht.

Die Tastaturen der Pulte können über einen Schlüsselschalter in den Systemmodus (erweiterte Eingabemöglichkeiten) umgeschaltet werden. Wir besaßen keine Originalschlüssel und leider benötigte auch jedes Schloss einen anderen Schlüssel. Wir haben also alle Schlösser demontiert und ein Hobbykollege baute die Schließzylinder passend zu vorhandenen Schlüsseln um. Nun können wir auch alle Schlösser mit demselben Schlüssel bedienen.


Strukturierarbeitsplatz SAP

Der Strukturierarbeitsplatz diente der Offline-Programmierung/Konfigurierung der gesamten Anlage (DSS, PSR, BSE, KE). Ausgangspunkt für Änderungen waren in Thierbach die regelmäßig am PSR6 erstellten Datensicherungen aller Rechner auf 5¼-Zoll-Disk. "Kleinere" Änderungen konnten auch direkt im Editormodus (vorher Freigabe per Schlüsseltaster) am PSR6 erfolgen.

Der SAP war zunächst zu keiner Zusammenarbeit bereit: seine Bildschirmkarte war defekt. Bis wir 2015 endlich Ersatz bekamen, musste sich der SAP die Bildschirmkarte mit einem BP teilen.


Strukturierarbeitsplatz SAP.

Unzufrieden mit sich: Fehlermeldung des SAP.

Beim Einschalten kamen nun Fehlermeldungen über angeblich defekten ROM, deren Herkunft wir aber nicht lokalisieren konnten. Außerdem verhielt sich die Maschine bei jedem Einschalten anders. Nach langem Suchen haben wir als Ursache eine RAM-Karte dingfest gemacht, die sich auf dem Bus einen Datenkampf mit einer ROM-Karte lieferte. Seit die RAM-Karte ersetzt ist, geht der Rechner korrekt in sein Hauptmenü, wir können ihn also als funktionsfähig bezeichnen.


Hauptmenü des SAP.

Diskettenmenü des SAP.

Auftragsmenü des SAP.

EPROM-Bearbeitung auf dem SAP.

Nutzen können wir ihn allerdings nicht, denn der Rechner benötigt zum Arbeiten spezielle Strukturierdisketten, die wir nicht besitzen und von denen leider bislang kein Exemplar mehr irgendwo lokalisiert werden kann. Ohne diese Software lässt sich mit dem Rechner nichts sinnvolles machen.

Wer besitzt noch Audatec-Strukturiersoftware?

Basiseinheit BSE

Die meisten Sorgen haben wir mit der Basiseinheit. Sie ist eins der wichtigsten Audatec-Bestandteile, stellt sie ja die eigentlich Mess- und Regeleinheit dar. Die originalen BSEs aus Thierbach haben leider nicht überlebt. Wir besitzen Fragmente einer BSE aus einer anderer Quelle, leider in erbärmlichem Zustand: sämtliche Stecker des Schrankes waren abgeschnitten, sämtliche Leiterplatten fehlten als Folge von Plünderungen. Der Schrank sah anfangs so aus, als hätte er jahrelang im Schlamm gelegen: wir begannen also mit einer intensiven Reinigung.


Schwerer Anfang: Das Gerippe des BSE-Schrankes.

Ein halbes Jahr später sieht er wieder besser aus.

Die Reparatur wird schwieriger als bei allen anderen Geräten, da die Basiseinheiten keinen festen Aufbau haben und damit in den Handbüchern nicht hinreichend dokumentiert sind. Schon den Stromanschluss herauszufinden bei einem Schrank, aus dem 20 dicke Drähte heraushängen, war nicht einfach. Nachdem der Schrank ein Netzkabel bekommen hatte, kam die Reparatur der Netzanschlusseinheit NAE sowie der Lüfter dran. In der NAE war ein Anschlussstecker zerbrochen, die Lüfter (3 Bänke á 3 Lüfter) waren schwergängig und lärmten. Der Stecker konnte getauscht werden, den Lüftern geht es seit Zerlegung, Reinigung und Schmierung auch wieder gut.


BSE-Stromeinspeisung.

Weiter ging es mit der Diagnose und der Formierung der Netzteilmodule. Da es sich um Standard-STMs von Robotron handelt, konnten wir problemlos Ersatz schaffen. Somit gelingt es jetzt, die Stromversorgung des Schrankes in Betrieb zu nehmen. Die stromseitige Selbstdiagnose funktioniert soweit.


BSE-Stromversorgung und Rechnereinschub.

Aktuelle Situation: Eingeschaltete BSE.

Hauptproblem bleiben die fehlenden Leiterplatten. Stück für Stück versuchen wir, passende Leiterplatten nachzukaufen, doch das wird sich sicher noch Jahre hinziehen. Zumindest im Bereich des K1520-Einschubes haben wir einen Teil der Leiterplatten zusammen. Mangels Vergleichsobjekt wissen wir weder, ob sie funktionieren, noch wie sie bewickelt werden müssen, noch haben wir die passenden EPROM-Inhalte.

Da unsere BSE aus einer Audatec-1 stammt, die Thierbach-Anlage aber Audatec-2 ist, werden wir einen Großteil der Verdrahtung (Wickelverbindungen) zwischen Rechnereinheit und Selbstüberwachung ändern müssen.

Ein weiteres Problem sind die abgeschnittenen Datenstecker: Einerseits mussten wir hier teuer neue Stecker kaufen, andererseits sind die Drähte durch das Abschneiden zu kurz. Hier werden wir noch viel Arbeit investieren müssen.


Vierzig neue Stecker.

Debug-Meldungen der BSE.

Der nächste Schritt bestand darin, den Rechner provisorisch in Betrieb zu nehmen, also der Rechnerüberwachung zu beweisen, dass der Rechner OK ist. Dies gelang durch einige Drahtverbindungen der Prozessorkarte zur Überwachungskarte sowie das Schreiben eines ersten EPROM-Inhalts für die BSE. Außerdem rüsteten wir eine Bildschirmkarte nach, um Diagnoseausgaben zu ermöglichen.


Reparaturarbeiten an der BSE.

Damit können wir nun den Zugriff auf die weiteren Schrankkomponenten untersuchen.


Datenbahn

Die Datenbahn ist das Netzwerk zwischen den Audatec-Rechnern. Sie ist redundant aus zwei Koaxkabeln aufgebaut, in die an bestimmten Stellen EFS-Stecker zum Rechneranschluss eingebracht sind. Da wir das Kabel vorerst nicht verändern wollten, stellten wir die Rechner so auf, dass sie geometrisch halbwegs der Aufstellung in Thierbach entsprechen.


Einige der per Datenbahn verkabelten Audatec-Rechner.

Datenbahn-Kabelpaar an der KE.

Es gibt Datenbahnkabel für Nahanschluss und welche für Fernanschluss. Die IBE besitzt nur Netzwerkkarten für Nahanschluss, die anderen Geräte haben Netzwerkkarten für beide Anschlüsse.


Audatec-Software

Thierbacher Disketten haben leider nicht überlebt, somit sind wir bei der Inbetriebnahme auf Fremdsoftware angewiesen. Zum Glück haben wir einige Audatec-Disketten aus anderer Quelle, wenn auch in mechanisch schlechtem Zustand. Nach einer aufwendigen Reinigung und Datenrettung haben wir jetzt ein Bootsystem für die IBE sowie Konfigurationslisten für fremde Bedienpulte und Basiseinheiten, auch wenn diese Listen wegen unpassender Anlagenkonfiguration bislang jede Zusammenarbeit verweigern. Aufgrund unserer geringen Audatec-Softwarekenntnisse kommen wir an dieser Stelle nur sehr langsam voran.

Die Software der Bedienpulte und der Basiseinheiten befindet sich zur Hälfte in EPROMs in den Rechnern, zur Hälfte auf Disketten. Die EPROMs besitzen wir, die passenden Disketten aber nicht. Durch technische Tricks ist es uns gelungen, die Funktionen der Bedienpulte auch ohne Vorhandensein der Disketten zu aktivieren. Damit kann man zwar nicht produktiv arbeiten, aber wir können nun sehen, was die Anlagenfahrer früher auf ihren Bildschirmen sahen. Und das ist, im Vergleich zur Bildschirmausgabe anderer DDR-Computer, schon beeindruckend.


Übersichtsdialog der Thierbach-Anlage.

Übersichtsdialog der Thierbach-Anlage.

Inzwischen haben wir drei weitere ROM-Sätze, sie stammen aus dem Petrolchemischen Kombinat Schwedt, aus BUNA und aus der Erdölverarbeitung Lützgendorf.


Übersichtsdialog der BUNA-Anlage.

Übersichtsdialog der BUNA-Anlage.

Übersichtsdialog der BUNA-Anlage.

Übersichtsdialog der BUNA-Anlage.



Übersichtsdialog der Lützgendorf-Anlage.

Übersichtsdialog der Lützgendorf-Anlage.

Übersichtsdialog der Lützgendorf-Anlage.

Übersichtsdialog der Lützgendorf-Anlage.



Umzug

Im Jahr 2013 zeichnete sich zunehmend ab, dass die Räumlichkeiten im Chemiemuseum nicht mehr zur Verfügung stehen werden. Mitte 2014 zogen wir daher alle Geräte aus dem Chemiemuseum Merseburg ins neu gegründete Rechenwerk Computermuseum Halle um, dazu musste die Anlage aus Gewichtsgründen wieder teilweise zerlegt werden. Nun ist die Anlage in Halle wieder aufgebaut, erstmals mit soviel Platz, dass alle Komponenten ausgestellt werden können. Die Reparaturarbeiten gehen weiter.


Halbzerlegter A6402-Rechner, gerade in Halle angekommen.

Fertig aufgebautes A6402-Ensemble im Rechenwerk.

Die drei Audatec-Sitzplätze nach dem Umzug.

Einige unserer Audatec-Rechner nach dem Umzug.



Wer kennt sich mit Audatec oder A6402 aus?
Weiß jemand näheres über die Arbeit des Rechenzentrums im Kraftwerk Thierbach? Wer hatte dort gearbeitet?
Weiß jemand, ob noch irgendwo andere Audatec-Anlagen überlebt haben?
Wir suchen dringend Baugruppen und Kopien von EPROMs.


Außerdem wäre interessant, ob von den verschollenen Teilen des Rechenzentrums (Bildschirme, Terminals, MRES) irgendwas überlebt hat.


Danksagung

Besonderer Dank geht an das Bergungs-Team: Weiterhin geht unser Dank an:

Links

Rechenwerk Computermuseum Halle
Digital Computer & Elektronik Arbeitsgemeinschaft Halle
Wikipedia: Kraftwerk Thierbach
BIQ Standortentwicklung und Immobilien GmbH
Vattenfall Europe
Deutsches Chemiemuseum Merseburg
FH Merseburg
AVIS Autovermietung
Kraftwerk Thierbach - www.scheer-halle.de
Kraftwerk Thierbach - www.ostkohle.de
Alpin Technik Leipzig - Vorbereitung der Sprengungsarbeiten des Schornsteins
Sprengung eines 300 m hohen Schornsteins
Kolkwitzer Bunkerfreunde GS-31 e.V.
Bilder des Kraftwerks Thierbach auf Ostkohle.de
Der Fahrbetrieb Espenhain - Bilder aus dem Tagebau Espenhain




Letzte Änderung dieser Seite: 30.04.2017Herkunft: www.robotrontechnik.de