Betriebssystem MOOS 1600

(Alias MOOS1600, MOOS-1600, MOOS 1630, MOOS-1630)

MOOS war ein Betriebssystem, das von Robotron für seine K1600-Rechner zur Verfügung gestellt wurde. Es ermöglichte eine Nutzung des Rechners im Echtzeitbetrieb, beispielsweise für Prozessleitsysteme, außerdem eine mehrnutzerfähige Kommunikation mit dem Rechner, was für Datenerfassung interessant war.

Abhängig von der Generierung konnte MOOS auf K1620-Rechnern (64 KByte RAM) oder auf K1630-Rechnern (256 KByte RAM, mit MMU) eingesetzt werden. Dabei ging man zweigleisig vor: eine plattenbasierte Variante für universelle Anwendung und Dialogarbeit, sowie eine seltene ROM-basierte Variante, z.B. für Maschinensteuerungen und Spezialanwendungen. MOOS war von allen K1600-Betriebssystemen das am weitesten verbreitete System. Der Preis für ein System war für DDR-Verhältnisse ungewöhnlich hoch: die Version 1.2 schlug mit stolzen 71.512,00 Mark für den Anwender zu Buche.

Der Import von PDP/11-Computern in die Ostblockstaaten war von Seiten Westeuropas durch ein Embargo blockiert, das betraf auch die zugehörige Software. Offizieller Grund war die Befürchtung, PDP-Computer könnten für militärische Zwecke benutzt werden. Der Grund wird eher gewesen sein, das Land mit dem ungeliebten politischen System wirtschaftlich zu schwächen.

Den Import der PDP-Computer umging man durch die Entwicklung einer eigenen PDP-kompatiblen Plattform: die K1600-Rechner. Die eigene Wirtschaftskraft reichte anscheinend nicht aus, um in kurzer Zeit ein hochwertiges Betriebssystem für die K1600-Rechner zu schreiben, daher entschied sich die DDR für die illegale Adaption des amerikanischen RSX/11-Betriebssystems (Wahrscheinlich V3.1) von DEC, dessen Quelltexte der DDR-Geheimdienst offenbar beschafft hatte.

Auf welchem Weg aus RSX/11 MOOS 1600 (MOOS=Modular Operating System K1600, in Anspielung auf die individuelle Zusammensetzbarkeit des Kernels) wurde, ist heute schwer nachzuvollziehen: das Leitzentrum für Anwendungsforschung in Berlin war jedenfalls daran beteiligt. Damals war die Verwandtschaft von MOOS und von RSX ein Geheimnis: weder in den Handbüchern noch in irgendwelchen Zeitschriften ist darüber zu lesen, ebenso die funktionelle Verwandtschaft von PDP/11 und K1600-Rechner. Die Mitarbeiter von Robotron wurden unter Strafandrohung vergattert, diese Geheimnisse zu wahren. Daher beruhen heutige Vergleiche der Systeme auf subjektiven Erfahrungen und Vermutungen.

Die Programmierung der K1600-Hardware unterschied sich an mehreren Stellen von der der PDP/11: Damit ergab sich eine Inkompatibilität von MOOS mit allen anderen PDP/11-artigen Rechnern: weder konnte MOOS auf einer PDP/11 bzw. deren Klone laufen, noch ein originales PDP/11-System auf einem K1600-Rechner. Anwenderprogramme unter MOOS waren nach bisheriger Erkenntnis mit RSX-Anwendungen kompatibel, vorausgesetzt sie steuerten die Hardware nur unter Aufruf der Systemgerätetreiber.

Die erste Hürde war die Beschaffung des K1600-Rechners, der langfristig bilanziert werden und auf dessen Auslieferung man lange warten musste. Künftige Administratoren der Industriebetriebe, damals "Systemprogrammmierer" genannt, buchten bei Robotron einen Lehrgang, in dem sie mit der Bedienung des Systems vertraut gemacht wurden. Ein dicker Stapel Handbücher zum MOOS konnte ebenfalls geordert werden.


Ein Teil kleiner Teil der Handbücher.

Die Auslieferung von MOOS war eine seltsame Sache: Robotron rückte die Quelltexte niemals heraus. Stattdessen musste der Anwender ein Formular ausfüllen (möglicherweise vorort bei Robotron an einem Online-Terminal), das die Konfiguration seines Rechners widerspiegelte. Robotron compilierte daraufhin das Betriebssystem, das der Anwender dann in Binärform auf Fest- oder Wechselplatte bekam. Er konnte sich danach zuhause ggf. noch eigene Treiber compilieren und das Ganze dann zu einem fertigen System zusammenlinken. Warum dieser umständliche Weg gewählt wurde, ist heute leider nicht mehr bekannt: die damals zuständigen Personen sind heute verschollen oder bereits tot.

MOOS bestand aus dem Kernel MOEX (=MOOS Executive) sowie einer Anzahl an Dienstprogrammen. Von MOOS gab es nach bisheriger Erkenntnis zeitlich gestaffelt zwei Versionen: 1.1 (seltene, frühe Version) und 1.2 (ab 1981 ausgeliefert). Die genauen Unterschiede sind noch nicht klar, wahrscheinlich gab es für 1.2 zusätzliche Hardwaretreiber.


Betriebssystem MOOS, Bootmeldungen auf der Konsole

Multiuser-Modus in MOOS

Die plattenorientierte Version von MOOS konnte ausschließlich von Fest- oder Wechselplatte gebootet werden. Zur Einspielung auf neue Platten gab es ein Standalone-Dienstprogramm namens PRESRV, das auch von Magnetband oder Magnetkassette gebootet werden konnte und meist an den Anfang der Backup-Datenträger geschrieben wurde, um auch bei Defekten der Systemplatte noch handlungsfähig zu sein.


PRESRV, Bootmeldungen

Hilfetext von PRESRV

Die plattenorientierte Variante von MOOS benutzte ein Dateisystem, das, ähnlich wie bei SCP oder DCP, Dateien einen acht Zeichen langen Namen und eine 3 Zeichen lange Namenserweiterung bot. Außerdem hatte jede Datei Attribute in Form von zwei Oktalzahlen, die den Besitzer und die Gruppe spezifizieren und als eine Art Verzeichnisname benutzt werden konnten. Über die Attribute wurden auch die Berechtigungen gesteuert. Die Gerätetreiber wurden über einen maximal vierstelligen Namen, gefolgt von einem Doppelpunkt, angesprochen. Unabdingbares Werkzeug für die Dateiarbeit war das Programm PIP: zum Anzeigen von Verzeichnissen, Anzeigen Kopieren, Drucken und Löschen von Dateien.


Verzeichnisauflistung in MOOS

Als Kommandozeileninterpreter funktionierte bei MOOS ausschließlich das Programm MCL. Der Start von Programmen erfolgte meist in zwei Schritten: der erste (INS) lud das Programm von der Platte in den Speicher, der zweite startete es aus dem Speicher.

Unter MOOS gab es verschiedene Programmiersprachen, am verbreitetsten war Assembler, der anscheinend stets mit ausgeliefert wurde. Außerdem gab es Compiler für Pascal, C, Cobol und CDL, außerdem einen Interpreter für BASIC. Im MOOS war eine leistungsfähige Scriptsprache eingebaut, mit der allein sich schon viele Dinge automatisieren ließen.


Arbeit in BASIC

1987 wurde MOOS von OMOS abgelöst. Außerdem gab es noch OS/RW als Alternative, das nicht durch Robotron vertrieben wurde.

Mit der Öffnung der Grenzen 1990 waren dann originale PDP/11-Computer beschaffbar, ebenso deren Software. DEC machten den K1600-Anwendern gute Angebote zum Umzug auf ihre originalen Rechner und Systeme, die K1600-Computer verschwanden damit schlagartig von der Bildfläche. Viele DDR-Großbetriebe, die Hauptanwender der K1600-Rechner, wurden geschlossen und abgerissen, mit ihnen die alten Computer.

Bedingt dadurch, dass es kaum noch funktionsfähige K1600-Rechner gibt, existiert heute wohl nur noch 1 vorführbare MOOS-Installation: auf den Festplatten des Thierbach-Rechners im Rechenwerk Computermuseum Halle.


Betriebssystem OMOS 1600

OMOS (=Optimized Modular Operating System) wurde ebenfalls von Robotron vertrieben und stellte ab 1987 den Nachfolger von MOOS dar. Es basierte ebenfalls auf einer RSX-Version, vermutlich auf Version 4.1.

Hinzugekommen waren die Unterstützung für vollgrafische Hardware sowie zur Ablösung von PRESRV das Standalone-Backup-Programm BRU. Bei OMOS hatte Robotron bestimmte Eigeninitiativen, wie das Neuschreiben und Übersetzen (deutsch) von Skripten gegenüber MOOS wieder fallen gelassen, rückte damit wieder näher an RSX an.

Der Kernel nannte sich OMEX (=OMOS Executive). Zur Verarbeitung der Kommandos gab es zwei Interpreter: MCR und DCL.

Von OMOS haben Datenträger bis heute überlebt, es gibt aber anscheinend keine startbare Instanz mehr.


Betriebssystem OS/RW

OS/RW (= Operationej Sistem Realnojo Wremeni) wurde als dritter RSX-Abkömmling ursprünglich in der Sowjetunion gebaut (Basis war wahrscheinlich ein RSX 3.2) und auf den dortigen SKR-Rechnern (z.B. CM4, CM1420) betrieben. Diese Rechner waren 100%ig kompatibel zur PDP11, besaßen aber auch einige spezifische Geräte, für die in der Sowjetunion Treiber geschrieben wurden. Im Gegensatz zu MOOS und OMOS war OS/RW für die Anwender im Quelltext verfügbar.

Aufgrund der Hardwareunterschiede zwischen PDP11 und K1600-Rechnern konnte OS/RW in seiner Grundversion nicht auf K1600-Rechnern benutzt werden. Die TH Dresden nahm sich dieses Problems an und entwickelte eine besondere Variante von OS/RW, die dann ausschließlich auf K1630-Rechnern lief.

Bis heute hat anscheinend kein Datenträger mit einem lauffähigen System überlebt.


Liste der unterstützten Geräte

Diese Liste wurde nach subjektiven Erkenntnissen zusammengestellt und muss nicht vollständig sein. Leere Felder bedeuten nicht zwangsläufig, dass es so einen Treiber nicht gab, nur das bisher keiner nachgewiesen werden konnte.

KürzelGerät Ankopplung anMOOSOMOSOS/RW
ADxADU Bus x
ARxAnaloges Laborgeräteinterface Bus x
CNxKonzentrator K8521? x
CTxKMBE K5261AISx x x
DBxStapelplattenspeicher ? x
DFxFestkopfplatte CM5500 AKP? x
DDxDisplayprozessor Bus- x
DKxWechselplatte CM5400AKPx x x
DMxFestplatte K5501AFPx x
DPxStapelplattenspeicher ? x x
DRxWechselplatte K5501M AFP x
DXxDisketteneinheit CM5601, CM5605AFS x
DYxDisketteneinheit 5,25"/8" AFS K5161/K5163x x
DZxDisketteneinheit 5,25" AFSx
EDxK8931 -> DisketteBKE K4561 -> Multiplexorx
EKABAC-Kopplung ?x
EKSBSC1-Kopplung ?x
ELxLSV2-Kopplung ?x
EPxK8931 -> DruckerBKE K4561 -> Multiplexorx
ETxK8931 -> MagnetkassetteBKE K4561 -> Multiplexorx
EFxFernschreiber Standleitung ?x
ESxFernschreiber Wählleitung ?x
EU1K8931BKE K4561 -> Multiplexorx
EU2K8912BKE K4561 -> Multiplexorx
EUSSSE BKE K4561 -> Multiplexorx
GDxGrafiksteuerung ? x
GRxGraphisches Display CM7300 ? x
ICxInterface für industrielle Steuerungen Bus x
LKxLochkartenleser AIPx
LPxSeriendrucker/ParalleldruckerAIS/AIPx x
LSxInterface für Laborprozessperipherie Bus x
MTxMagnetbandgeräte CM5300BUM -> AMBx x x
MXxMultiplexorBKE K4561x
PDxPlotter K641x, DZTAIS x
PLxPlotter DigigrafAIS x
PPxLochbandgerät K6200 (Stanzer)AIPx x x
PRxLochbandgerät K6200 (Leser)AIPx x x
RDxDigitalisiergerät K6401/2/3AIS - x
RMxBildspeicher?- x
SPxSeriendrucker 1156ADA
TBxRollkugeleinheit?- x
TGxRastersichtgerät Grafisch K8917AIS x
TRxTrace ?x
TTxTerminals K8911/K8917AISx x
UKxZwischenblockinterface IFLS / ATPBusx x x
UTxUniverselles BildschirmterminalAIS
XBBuskoppeleinheit K4561 Bus- - x
XEEthernet IEEE802 Bus- - x
XKBuskoppeleinheit K4561 Bus
XLAnsychronanschluss ADS, ASAD ?- - x
XPSynchronanschluss SAD ?- - x
YLKonsole K8911AIS- - x




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