Computer MSD

(MSD=Mikrorechnergesteuerter Schalterdrucker)

Allgemeines

Bis zum Ende der 70er Jahre erfolgte der Fahrkartenverkauf der Deutschen Reichsbahn auf elektromechanischen Schalterdruckern, die durch traditionelle Druckplattentechnik eine kleine Pappfahrkarte bedruckten, aus vorgedruckten Fahrkarten (ebenfalls Pappfahrkarten) sowie mit handschriftlich auszufüllenden Blankofahrkarten.
Zur Ablösung der traditionellen Drucktechnik, für die für jeden zu druckenden Fahrkartentyp (auch für Ermäßigungen, Zeitfahrkarten etc.) die Vorhaltung einer besonderen Druckplatte erforderte, wurde Ende der 1970er Jahre der MSD entwickelt.


Fahrkartenschalter mit MSD-Rechner

Der MSD war aus Komponenten des Rechnersystems K1510 aufgebaut.

Die Entwicklung und Erstellung der ersten MSD-Software erfolgte in der Hochschule für Verkehrswesen "Friedrich List" in Dresden. Die notwendigen Modifikationen der Baugruppen und Zusammenstellung der MSD erfolgte im Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) "Roman Chwalek" in Berlin-Schöneweide, die auch die Erstprogrammierung des Programms und der Bahnhofsdaten in die EPROMs der auszuliefernden Geräte vornahm. Die weitere Softwarepflege und Weiterentwicklung erfolgte im wesentlichen durch das Signal- und Fernmeldewerk (SFW) der Deutschen Reichsbahn.

Die MSD waren auf zahlreichen Bahnhöfen der DR z.T. bis 1992 im Einsatz.
Ende der 1980er Jahre erfolgte schrittweise die Einführung eines Nachfolgesystems auf K1520-Basis mit der Bezeichnung "MSD-U", durch das jedoch meistens keine MSD-Systeme abgelöst, sondern vielmehr noch nicht mit MSD ausgerüstete Fahrkartenschalter modernisiert wurden.
Anfang der 1990er Jahre erfolgte die Ablösung beider Systeme durch das auch bei der Deutschen Bundesbahn gerade eingeführte Verkaufssystem "Kurs90".


MSD-Fahrkarte

Hardware

Der MSD setzte sich aus folgenden Geräten zusammen:

17.002.01.00.00Rechnerschrank
Robotron K7610alphanumerische Tastatur
Robotron K7210Bildschirm (Datensichtgerät) ANA-531
F1200 (modifiziert)Druckwerk
17.002.05.01.00Schneideeinrichtung zu Druckwerk
17.001.09.01.00Kundenpreisanzeige

Der eingesetzte Rechnerschrank entsprach im wesentlichen dem beim PBT4000-Rechner verwendeten Schrankgehäuse.
Das Druckwerk war ein Fernschreiber F1200 des VEB Messgerätewerk Zwönitz, der für den Druckbetrieb am MSD modifiziert wurde. Baugruppen, die für den Fernschreibverkehr nicht notwendig waren, wurden entfernt und es verblieben somit nur das Druckwerk, die Endstufen für das Druckwerk (Baugruppe ED/2) sowie die Schrittmotorenendstufen (Baugruppe ES). Die Ansteuerung der Funktionen (d.h. Ansteuerung der einzelnen Drucknadeln sowie der Transportschrittmotore) erfolgte durch den Rechner. Zu diesem Zweck und für die weitere Sonderfunktionen (Abschneidevorrichtung, Kundenpreisanzeige) waren bei den ersten Geräten I/O-Platinen von Robotron eingebaut (ASI-E, ASI-A), die über zusätzlich gefertigte Adapterplatinen (ALP-x) die Ansteuerung übernahmen.
In der Serienfertigung wurden dann besondere Platinen für diesen Zweck gefertigt, die bereits den Anschluss für die genannten Baugruppen enthielten. Die Geräte dieser Serienfertigung wurden dann in der Dokumentation teilweise auch als "MSD-2" bezeichnet. Vorhandene Geräte wurden auf die neuen Platinen umgerüstet.


MSD, demontiert. Links unten der Drucker.

Damit war der MSD-2 Rechnerschrank dann mit folgenden Baugruppen bestückt:

NameKürzelBedeutung des Kürzels
051-8470ZVE1 MZentrale Verarbeitungseinheit 1 (modifiziert)
051-8560ZVE2 MZentrale Verarbeitungseinheit 2 (modifiziert)
-SPESpeichererweiterung (17.001.02.03.00)
051-8260PFSFestwertspeicher (EPROMs)
051-8260PFSMFestwertspeicher modifiziert für SPE
051-8590OSSOperationsspeicher (RAM)
051-8300ABSAnschlusssteuerung Bildschirmeinheit
051-8330ATAAnschlusssteuerung Tastatur
17.003.03.02.00ADWAnschlusssteuerung Druckwerk
17.003.03.01.00APAAnschlusssteuerung Preisanzeige

Die Modifikation der Baugruppen ZVE1, ZVE2 und PFS bezogen sich jeweils auf den Einsatz der Speichererweiterung (SPE), durch die eine Verdoppelung des adressierbaren Speichers möglich wurde.

Wurde eine Fahrkarte erstellt, so erfolgte mit dem Absenden des Druckbefehls die Anzeige des Fahrkartenpreises auf der Kundenpreisanzeige, ein im Schalterfenster aufgestelltes Gerät mit einer 5-stelligen LED-Anzeige.
Insbesondere für fremdsprachige Bahnreisende war diese Anzeige sicherlich äußerst sinnvoll und wird auch heute noch bei ausländischen Bahnverwaltungen in neuere Verkaufstechnik mit integriert, während die in Deutschland mittlerweile übliche Technik am Fahrkartenschalter dieses "Feature" nicht mehr enthält.

Die Stromversorgung aller externen (außer Druckwerk) und internen Baugruppen erfolgten durch Standardnetzteile des K1510-Systems und war im Rechnerschrank eingebaut:

NameElektr. WerteEinsatzgebiet
K0312.03STZ 12 V / 0,1 AMikrorechner, Bildschirm, Preisanz.
K0310.05STM 5 V / 3,3 AMikrorechner, Zusatzelektronik
K0310.04STM 9 V / 2,2 AMikrorechner
K0310.06STM 5 V / 10 AMikrorechner, Zusatzelektronik
K0310.06STM 12 V / 4,2 AMikrorechner, Bildschirm, Preisanz.
K0316.02STM 24 V / 2,2 AZugmagnete Abschneidevorrichtung

Zur Sicherung der Abrechnungsdaten, die im Arbeitsspeicher (OSS) des MSD abgelegt waren, war zudem ein Akkumodul AKM K0315 enthalten, das den Datenerhalt über 12 Stunden Netzabschaltung gewährleistete.

Durch die vorhandene Speichererweiterung (SPE) waren bis zu 8 herkömmliche Festspeicherkarten im Gerät enthalten, wodurch aufgrund von Verschmutzung und Qualitätsmängel der EPROM-Sockel Prüfsummenfehler zu den häufigsten Störungen im Betrieb der MSD-Geräte gehörten.
Dementsprechend wurden, sobald PFS-Karten mit 1k-EPROMs lieferbar waren, alle MSD auf diese Speicherkarten umgerüstet, was auch eine Änderung an der Stromversorgung erforderlich machte.

Die Speicherbereiche der PFS-Karten waren zwischen Programm- und Datenbereich getrennt. Der Datenbereich enthielt alle notwendigen Angaben über die gespeicherten Zielbahnhöfe. Abhängig von der Länge der einzelnen Datensätze waren etwa 800 Zielbahnhöfe speicherbar.
Die Bahnhöfe waren, ggf. mit entsprechenden verschiedenen Streckenführungen, mit ihrer Entfernung vom Abgangsbahnhof gespeichert.
Die Berechnung des Fahrpreises erfolgte dann je nach gewähltem Tarif vom Programm.


Software

Der MSD enthielt nur das notwendige Verkaufsprogramm im Festwertspeicher. Dienstprogramme oder ein Betriebssystem waren nicht vorhanden.

Einige Funktionen wurden durch die programmeigene Selbstdiagnose überwacht. So wurde z.B. regelmäßig die Prüfsumme der Festwertspeicher mit den vorgegebenen Prüfsummen verglichen und der Fehler bei etwaigen Abweichungen dem Bediener gemeldet.

Die Bedienung erfolgte dialoggeführt und begann mit der Eingabe des Zielbahnhofes.
War der gewünschte Zielbahnhof enthalten, erfolgte eine automatische Vervollständigung des Bahnhofsnamens, sobald genug Buchstaben eingeben wurden, um zu anderen gespeicherten Bahnhöfen zu unterscheiden (d.h. die Eingabe z.B. von "ANG" wurde durch den MSD zu "ANGERMUENDE" vervollständigt). War ein Bahnhofsname oder Ortszusatz mehrfach vorhanden, so konnte zwischen den verschiedenen Zielen gewählt werden (z.B. Eingabe "SEEBAD" führt zur Auswahl zwischen verschiedenen Bahnhöfen mit Ortszusatz "SEEBAD"), ebenso bei mehreren Wegevorschriften.

War der gewünschte Zielbahnhof im Speicher enthalten, so sprach man von "Online-Betrieb".
Dies hatte jedoch nichts mit einer Datenverbindung zu anderen Rechnern zu tun, sondern war lediglich eine Unterscheidung zum so genannten "Offline-Betrieb", der eintrat, wenn der eingegebene Zielbahnhof nicht im System enthalten war. Im Offline-Betrieb war die Zielentfernung sowie der Laufweg vom Bediener einzugeben (vergleichbar mit der Erstellung einer handgeschriebenen Blanko-Fahrkarte).

Wurde ein Bahnhof gewählt, wurde das Druckbild der Fahrkarte zum Normalpreis für einen Erwachsenen bereits angezeigt.
Der Bediener konnte nun andere Tarife (Ermäßigungen) auswählen, die jeweils einer Funktionstaste auf dem mittleren gelben Funktionstastenblock zugeordnet waren.
Des weiteren konnte die Anzahl der reisenden Personen geändert werden.
Durch Betätigung der Taste "Print" wurde der Druck der Fahrkarte ausgelöst und der Fahrpreis in der Kundenpreisanzeige angezeigt.

Für die Schicht- und Monatsabrechnung waren Abrechnungsfunktionen im Programm enthalten, die entsprechende Daten ausdruckten. Ebenso waren ein Journalausdruck aller verkauften Fahrkarten sowie eingeschränkte Statistikfunktionen möglich.

Das Tagesdatum wurde im RAM gespeichert, musste aber vom Bediener jeweils manuell auf den nächsten Tag umgestellt werden. Ein Vorverkauf für andere Reisetage war jedoch auch möglich.

Die Bahnhofsdaten mussten dem Herstellerwerk in Form von Lochbändern durch die Bahnhöfe bereitgestellt werden. Zur Erstellung wurden K1510-Rechner mit Lochbandeinheit, Organisationsautomaten (z.B. Optima 528) oder Kleinrechner KRS4200/4201 empfohlen, die dementsprechend auf den Bahnhöfen oder bei den Reichsbahnämtern zusätzlich vorhanden sein mussten.


Letzte Änderung dieser Seite: 29.11.2016Herkunft: www.robotrontechnik.de