Rechenmaschinen der Wandererwerke (Continental)

Die Chemnitzer Wandererwerke waren ursprünglich ein Hersteller von Fahrrädern. Später kam die Produktion von Werkzeugmaschinen, Motorrädern und Autos hinzu und ab 1904 als Einstieg in die Bürotechnik die Produktion von Schreibmaschinen (unter dem Markenname "Continental"). In den 1910er Jahren begann die Firma die Entwicklung von Rechenmaschinen: zunächst einfache Maschinen zum Addieren und Ausdrucken von Zahlenkolonnen. Später wurden die Maschinen komplizierter und die Entwicklung gipfelte in hochkomplexen Buchungsmaschinen.

Typisch an den Rechenmaschinen von Wanderer war die Benutzung der Volltastatur und das Rechenverfahren des Zahnsegments.

Die Anwendungsgebiete der Maschinen waren breit gefächert:

Standard-Rechenmaschine

Die Standard-Maschine ging auf die Entwicklung von John Greve, dem späteren Gründer der Astrawerke zurück, der von 1910 bis 1919 als Konstrukteur in den Wandererwerken als Konstrukteur arbeitete. Die Maschine wurde bis 1914 entwickelt und war damit Europas erste druckende Addiermaschine. Bedingt durch den 1. Weltkrieg ging sie aber erst 1916 in Produktion.

Die Maschine beinhaltete ein Rechenwerk nach dem Prinzip des Zahnsegments. Je nach Anforderung konnte es mit unterschiedlicher Dezimalstellenanzahl (10 oder 15) geliefert werden. Die ersten Exemplare konnten nur Addieren und Subtrahieren oberhalb von Null, später folgten die Möglichkeit der Saldierung (Rechnen auch unter Null).

Die Ausgabe erfolgte durch ein Typenstangendruckwerk entweder auf einen Papierstreifen (Kassenrolle) oder bei einigen Exemplaren über einen beweglichen Schreibwagen (38 cm oder 60 cm breit) auf Papierblätter. Die Maschine arbeitete mit einem zweifarbigen Farbband, das allerdings auf einen ungewöhnliche Art benutzt wurde: die jeweils erste Addition wurde (als Signal, dass der Speicher vorher gelöscht wurde) rot gedruckt. Weitere Additionen und Subtraktionen erfolgten in schwarz. Zwischensummen und Endsummen in rot.

Die Geräte wurden entweder als Auftischversion oder eingehängt in ein Stahlrohrgehäuse gebaut. Typisch für die Standardmaschine waren die beiden seitlichen Glasfenster, hinter denen man die Mechanik arbeiten sehen konnte, im ansonsten schwarzen Metallgehäuse, ebenso das Anzeigewerk für das Rechenergebnis.


Standard-Rechenmaschine mit Schreibwagen

Arbeit an einer Standard-Rechenmaschine

Die meisten Standardmaschinen wurden über einen Handhebel angetrieben. Spätere Modelle gab es auch mit Elektromotor, wobei diese ausschließlich im Stahlrohrrahmen liefen.

Die Standardmaschine hatte zwar akzeptable Funktionen, war aber im Vergleich zu den Konkurrenzprodukten zu groß, zu schwer und zu teuer. Daher wurde ab 1928 in den Wanderer-Werken die Pultmaschine als technischer Nachfolger produziert.

Auf Basis der Standardmaschine wurde die Buchungsmaschine Klasse 700 entwickelt, die eine automatisierte Abarbeitung, mehrere Speicherwerke und die Formulartechnik zum Verarbeiten von Kontenkarten bot.


Pult-Rechenmaschine

Den Rechenmaschinen wurde von Seiten der Wanderer-Werkleitung augenscheinlich keine große Bedeutung zugeschrieben, so dauerte es über 10 Jahre, bis ein Nachfolger für die Standardmaschine, die zu dieser Zeit längst veraltet war, entstand. Jedenfalls wurde ab 1926 die Pultmaschine konstruiert und dann von 1928 bis 1950 in Serie gebaut. Sie war funktionell ähnlich der Standardmaschine, war aber kleiner und nur halb so teuer. Auf ein Anzeigewerk hatte man bei der Pultmaschine verzichtet.


Manuelle Pultmaschine Continental Klasse 9

Elektrische Pultmaschine

Herz der Maschine war ein Rechenwerk mit 10 Dezimalstellen, das nach dem Zahnsegment-Prinzip arbeitete, das in die Betriebsarten "Addition", "Subtraktion", "Zwischensumme", "Endsumme" und "Nicht-Rechnen" geschaltet werden konnte. Bei einige Maschinen konnten die zwei höchsten Dezimalstellen vom Rechnen ausgenommen und stattdessen als Zähler benutzt werden (Splitt-Funktion). Für reine Additionsaufgaben konnte die Maschine auch ohne Subtraktionseinrichtung geliefert werden (=Pult-Addiermaschine).

Einige Maschinen der Baureihe (genannt Klasse 1000) waren mit zwei Rechenwerken (=Duplexmaschine) ausgerüstet. Damit konnte beispielsweise in einem Rechenwerk der Preis einer Kundenrechnung hochgezählt werden, während das andere die Gesamtsumme über einen Tag hochzählte.

Die Tastatur beinhaltete neben den Zifferntasten:

Das Gehäuse der Maschine bestand entweder aus braunem Kunststoff (Bakelit) oder aus schwarz lackiertem Blech. Die kleinen Modelle wurden als Auftischgeräte betrieben, auf Wunsch aber auch in ein Stahlrohrgestell eingehängt.

Die Pultmaschinen wurden meist über einen Handhebel angetrieben, ab 1931 gab es auch Varianten mit einem Elektromotor als Antrieb.

Die Benennung der Pultmaschinen war verwirrend: Anfangs wurden sie "Modell", gefolgt von einer Nummer, benannt. Später, als die Anzahl der Varianten zu groß für dieses Nummeriersystem wurde, benannte man die Maschinen mit "Klasse" und einer drei- oder vierstelligen Zahl.

Auf Basis der Pultmaschine wurde die Buchungsmaschine Klasse 800 entwickelt, die eine automatisierte Abarbeitung, mehrere Speicherwerke und die Formulartechnik zum Verarbeiten von Kontenkarten bot.




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